Im Jahr 1998 war Deutschland fast am Ziel: Endlich steinzeitliche Höhlenkunst, lautete die Hoffnung. Ein Stück Gestein, mit roten Punkten verziert, hatten Archäologen in einer Grotte auf der Schwäbischen Alb entdeckt. Könnte ja sein, dass der Frost einst das Bruchstück von der Wand abgesprengt hat. Wäre es so, handelte es sich bei dem gepunkteten Klumpen um Felskunst.

Die Vermutung war dem Wunschdenken geschuldet. Felskunst aus Deutschland gab es bis dahin nicht. Zwar können die Baden-Württemberger viel prächtige Kleinkunst aus der Steinzeit vorweisen, aus Elfenbein geschnitzte Vögel, Pferde, Bären, Löwenmenschen. Aber eben keine virtuos bemalten Wände wie Frankreich mit der Chauvet-Höhle oder Spanien mit Altamira.

Dem schwäbischen Brocken erging es wie anderen Funden zuvor: Beweise dafür, dass es sich um Reste einer Wandbemalung handelte, ließen sich nicht erbringen. Das war schon in den 1930er Jahren im Kleinen Schulerloch im bayerischen Altmühltal so gewesen. Eine Gravierung in der Wand wurde erst als altsteinzeitliche Felszeichnung beschrieben und später für eine Begleitverzierung modernerer Runen gehalten. Eine 1939 unweit davon entdeckte gravierte Tierfigur in der Kastlhänghöhle stellte sich als Täuschung heraus, ebenso wie weitere bunte Kalkfragmente von der Schwäbischen Alb. Bei der vermeintlichen Kolorierung handelte es sich um die natürliche Färbung des Gesteins.

Vor drei Jahren der nächste Verdacht: Kratzer im Kalk der fränkischen Mäanderhöhle unweit Bambergs. Diese Spuren werden gerade von unabhängigen Experten geprüft – allerdings ist es unwahrscheinlich, dass sich die Vermutung bestätigt, wonach sich Menschen in dem Loch künstlerisch betätigt haben.

Und jetzt der jüngste Fund: drei Pferde im Hunsrück. Keine Höhlenkunst, aber Felskunst. Vom rheinland-pfälzischen Landesarchäologen Axel von Berg werden sie auf ein Alter von mindestens 20.000 Jahren datiert. Vergangene Woche präsentierte die Generaldirektion Kulturelles Erbe den "Sensationsfund" der Regionalpresse und der Bildungsministerin des Landes. Ein kleines Pferd, zwei größere Pferde und ein Tier, dessen Spezies sich nicht ermitteln ließ, waren als Halbrelief in eine 1,2 Quadratmeter große Schieferfläche graviert worden. Aufgrund der "Stilistik und Machart" ordnet sie von Berg "eindeutig in eine frühe Phase der jüngeren Altsteinzeit" ein. Zwei Gutachten würden dies bestätigen. Für einen paläolithischen Ursprung spreche auch die Technik: "Die Künstler benutzten Steingeräte, nicht Metall." Als letzten Hinweis führt er die "intensive Verwitterung" an.

Die Interpretation von Bergs beurteilen Kollegen als "weit getrieben". Tilman Lenssen-Erz, Professor für Ur- und Frühgeschichte in Köln, hält den stilistischen Vergleich mit altsteinzeitlichen Werken zwar für plausibel, aber "nicht gerade für das stärkste Argument". Er wünscht sich weitere Untersuchungen. Eine Datierung der Patina wäre schwierig, aber denkbar. Auch mit mikroskopischer Untersuchung der Ritzlinien ließe sich womöglich ausschließen, dass es doch beflissene Graveure aus jüngerer Zeit waren, die sich mit nachgemachten Feuersteinklingen als vermeintliche Steinzeitkünstler betätigten.

Nach jetzigem Stand, sagt Lenssen-Erz, "kommen wir über einen Plausibilitätsbonus nicht hinaus". Heißt: Könnte sein. Könnte aber auch sein, dass Deutschland weiter warten muss.