Norbert Reithofer tut es. Dieter Zetsche tut es. Rupert Stadler hat es schon getan, und Martin Winterkorn macht es gleich im Doppelpack. Geradezu magisch zieht es die Chefs von BMW, Daimler, Audi und VW in diesen Tagen ins Ausland – nach Mexiko, in die USA und nach China. Milliardenverträge für neue Werke werden unterzeichnet. Grundsteine gelegt. Arbeitsplätze versprochen.

Riesige Summen werden bewegt: Eine Milliarde Dollar will sich BMW seine neue Fabrik in Mexiko kosten lassen. Dabei haben die Münchner gerade erst sehr viel Geld in den Ausbau ihres Werks Spartanburg im US-Staat South Carolina gesteckt. Im Endausbau wird Spartanburg das größte Werk der Bayerischen Motorenwerke sein – größer als Dingolfing, Leipzig oder München. Daimler will, mit Partner Nissan, mehr als 5.000 neue Jobs in Mexiko schaffen. VW-Chef Winterkorn klotzt für zwei weitere China-Montagewerke mit zwei Milliarden Euro.

Und die deutschen Zulieferer folgen ihren Großkunden. Bosch, Conti, ZF & Co siedeln im Umfeld der neuen Auslandswerke ebenfalls neue Produktionsstätten an.

Beginnt jetzt möglicherweise der Exodus der deutschen Schlüsselbranche? Der Industrie, auf deren Erfolge Kanzlerin Angela Merkel so stolz ist.

Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), wiegelt ab. Sein Argument: Sowohl die Inlands- als auch die Auslandsfertigung der Pkw-Marken deutscher Konzerne steigen. Im laufenden Jahr erwartet der VDA neue Rekorde. Das Erfolgsrezept der deutschen Autobauer sei die "Zwei-Säulen-Strategie" – Export aus starker Inlandsfertigung sowie Ausbau der Fertigung im Ausland. Zuletzt ist die Zahl der Jobs im Inland sogar gestiegen.

Selbst die hiesigen Betriebsräte, die in den Aufsichtsräten sitzen, winken die Großinvestitionen durch, reihenweise. Ihr Preis dafür: Die Vorstände mussten auch neue Modelle und Investitionen für die heimischen Fabriken zusagen.

Vorbei scheinen die Zeiten, als die deutschen Arbeitnehmervertreter auf die Barrikaden gingen, sobald die Produktion eines Modells ins Ausland gehen sollte. Das böse Wort Verlagerung scheint vergessen.

Der Grund ist einfach: Vorstände und Betriebsräte wetten gemeinsam auf einen anhaltend Boom des weltweiten Automobilabsatzes. Ja sogar darauf, dass sie es dank ihrer gehobenen Angebote mit dem Prädikat "Premium" weiterhin schaffen, stärker zu wachsen als der Markt. Die Kunden in aller Welt, so das Kalkül, können gar nicht genug kriegen von deutschen Autos. Dieser durchaus riskante Glaube eint die deutschen Konzerne, die sonst um Kunden rivalisieren.

Richtig ist, dass es für die Käufer kaum noch eine Rolle spielt, wo die Fahrzeuge vom Band laufen. Hauptsache, das richtige Markenemblem ist drauf. Made by Mercedes oder made by BMW hat das Gütesiegel made in Germany ersetzt. Der Imagetransfer ist den Konzernen glänzend gelungen. Ja, die Strategie bringt ihnen oft bei den Auslandskunden einen Bonus ein: den des "einheimischen Produzenten".