Sowenig man sich den Bachmann-Preis ohne Burkhard Spinnen vorstellen kann, so wenig kann man sich Burkhard Spinnen ohne den Bachmann-Preis vorstellen. Wie Philemon und Baucis wirkten die beiden – ein altes, unzertrennliches Ehepaar. 14 Mal reiste der Schriftsteller aus Münster als Juror des Wettlesens nach Klagenfurt am Wörthersee, seit 2006 versah er das Amt des Jury-Vorsitzenden. Als Juror erreichte Spinnen eine Vollkommenheit des Selbstausdrucks, hinter der sein eigentliches Metier, nämlich selbst Schriftsteller zu sein, fast ein wenig verblasste. Pedanterie und Pointen-Virtuosität, rhetorischer Spieltrieb und literarischer Ernst, Stand-up-Comedy und poetische Gerechtigkeit – mit welch tänzerischer Leichtigkeit konnte er von einem Register ins andere wechseln. Er prägte die Rolle des Jurors so hingebungsvoll, dass er zuletzt schon wie sein eigener Lookalike wirkte. Nun hat er beschlossen, dass dieser Wettbewerb sein letzter gewesen sein soll.

Leider war der Bewerb, wie die Österreicher sagen, in diesem Jahr in sehr schlechter Form. Die Dynamik der Jury war destruktiv, statt funkelnder Streitlust lähmte ein gleichzeitig aufgeblasener und dauerbeleidigter Arno Dusini (als "Professor aus Wien") die Jury-Diskussion. Gewiss war man noch verwöhnt von dem Jahrgang 2013, der ein wahres Talente-Feuerwerk mit Joachim Meyerhoff, Verena Güntner, Katja Petrowskaja und vielen mehr bot. Wer im vergangenen Jahr hinten runterfiel, hätte in diesem locker einen der vier Preise eingeheimst, denn – Hand aufs Herz: Bis auf den Siegertext von Tex Rubinowitz gab es keine preiswürdigen Texte. Die Plätze zwei bis vier – Michael Fehr, Senthuran Varatharajah und Katharina Gericke – waren allenfalls die Ahnung des Versprechens von Potenzial.

Tex Rubinowitz, über Jahre ein treuer Gast und Beobachter des Klagenfurter Wettlesens, ist Cartoonist, DJ und Reiseschriftsteller. Er war der gute Geist des Internetforums Höfliche Paparazzi, in dem unter anderen Wolfgang Herrndorf seinen Esprit erprobte und seinen Stil schliff. Rubinowitz’ Text Wir waren niemals hier erlöste die Zuhörer aus dem bleiernen Trübsinn des verquälten Kunsternstes. Der Text, der davon erzählt, wie sich eine alte und damals höchst komplizierte Liebe nach Jahrzehnten in Form einer Freundschaftsanfrage auf Facebook wieder meldet, unterläuft unkokett die literarische Hochform. Der Text hat etwas Struppiges, in dieser Struppigkeit liegt aber nicht nur seine Komik, sondern auch seine existenzielle Lakonie.

Rubinowitz übrigens ist mit Kathrin Passig befreundet, die längst eine Klagenfurter Institution ist, einstweilen noch als informelle Freischärlerin den Preis der Automatischen Literaturkritik vergibt. Ich denke, dass der Bewerb auf vitalisierende Weise durcheinandergerüttelt würde, wenn man Kathrin Passig mit ihrer blitzschnellen Mustererkennungsintelligenz in die Jury holte.