Über den 31-jährigen deutschen Geheimdienstler, der mit großer Wahrscheinlichkeit Geheimnisse an amerikanische Dienste weitergab, wird in Zeitungen behauptet, er richte keinen Schaden mehr an. Aber das stimmt nicht. Es heißt, er sitze irgendwo in Süddeutschland in Haft, sei ohnehin bloß ein kleines Licht im Bundesnachrichtendienst (BND) gewesen. Inzwischen sei er festgesetzt, ausgeschaltet, machtlos. Auch das ist falsch. In Wahrheit ist er mächtig, mobil und extrem schnell. Denn wo immer Angela Merkel auftaucht, ist er schon da.

Als sie vor wenigen Tagen in ihrer Regierungsmaschine in Peking landete, war auch er schon angekommen. Er begleitete ihren Staatsbesuch in China, war lautlos präsent, die ganze Zeit. In den Fragen der mitreisenden Journalisten tauchte er auf, und die Kanzlerin wurde dazu genötigt, an ihn zu denken, jenen 31-Jährigen, von dem sie vorher gar nicht wusste, dass es ihn überhaupt gibt.

Angela Merkel bemühte sich während ihres Besuchs in Peking darum, für ihr Modell zu werben, das westliche, das auf Freiheit und Wohlstand durch Selbstverwirklichung des Individuums gründet. Sie hat den Versuch nicht aufgegeben, auch Russland und China von diesem Modell zu überzeugen. Und dann kamen immer wieder diese Nachfragen. Sie konnte froh sein, dass die wenigstens nicht von chinesischen Journalisten gestellt wurden, das wäre ihr noch peinlicher gewesen.

Eigentlich wollte sie gar nichts zu alledem sagen. Nicht ausgerechnet hier, in China, das unter seinem neuen Präsidenten Xi trotz aller Reformen brutal gegen Oppositionelle vorgeht, nicht in China, wo Privatsphäre und Informationsfreiheit wenig gelten, das sich insgeheim immer ein bisschen freut, wenn der Westen sich mal wieder in seinen Widersprüchen verheddert. Über die deutsch-chinesischen Beziehungen wollte die Kanzlerin sprechen, für Europa werben. Aber die Frage, die überall lauerte, war die nach dem deutsch-amerikanischen Verhältnis. Und je länger Merkel sich verweigerte, desto lauter wurden die Kommentatoren in der Heimat. Der deutsche Innenminister begann zu reden, der Außenminister ebenfalls und besonders der Bundespräsident, der ungeliebte Gauck.

Wie konnte es bloß dazu kommen?

Der Doppelagent, dessen Identität die deutschen Ermittlungsbehörden bis zum Redaktionsschluss dieser ZEIT-Ausgabe nicht bekannt gaben, sitzt seit seiner Festnahme am Mittwoch vergangener Woche in Untersuchungshaft. Sein Vorname ist Markus. Seit neun Jahren arbeitet er im sogenannten mittleren Dienst des BND. Angehörige dieser Laufbahngruppe unterstützen das Spionagegeschäft eher, als dass sie es betreiben; Markus war zuständig für die Verwaltung von technischem Gerät, kam aber mit geheimem Material in Berührung. Auffällig war er nie geworden, galt in der Behörde weder als Querulant noch als Überflieger.

Das ist bereits das Wissen über ihn, das als gesichert gelten kann.

Was ihn antrieb? Geltungssucht, das erzählt man sich in Sicherheitskreisen, könnte ausschlaggebend gewesen sein oder Frustration im Job. Politische Motive, heißt es, seien nicht zu erkennen. Vielleicht waren es die 25.000 Euro, die der BND-Mitarbeiter innerhalb zweier Jahre kassierte? Insider sagen, das sei ein bescheidenes Honorar. Aber bei einem Einkommen von rund 2.000 Euro netto im Monat – so viel soll Markus verdient haben – ist es eine Menge Geld.

Noch während die deutschen Ermittlungsbehörden ihr Wissen über Markus zusammentragen, tritt für die Kanzlerin Angela Merkel in Peking der Worst Case ein. Der chinesische Ministerpräsident Li steht neben ihr, als sie auf Nachfrage eines Reporters erklären muss, dass es sich beim Fall Markus um einen "sehr ernsten Vorgang" handele, der sich in klarem Widerspruch zu "unseren Vorstellungen von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit" befinde. Li lächelt. Er möchte auch noch etwas sagen. China und Deutschland seien beide Opfer von Hackern. Er bietet eine "Cyberpartnerschaft" an, wie die Staatspresse später schreibt. Ausgerechnet China, das die übelsten Hacker auf das Internet loslässt.

"Fassungslos und erschüttert": In Merkels Delegation wird behauptet, dies sei ihre Reaktion auf die Spionage-Affäre gewesen. In Wahrheit wirkte Merkel zu keinem Zeitpunkt erschüttert. Eher hatte man das Gefühl, sie müsse sich mit Mühe auf das Erregungsniveau der deutschen Öffentlichkeit bringen. Fassungslos ist sie allenfalls über die Dummheit der Amerikaner, die sich wieder und wieder erwischen lassen. Denn die Amerikaner mögen zwar schlechte Freunde sein, aber sie sind immer noch die wichtigsten schlechten Freunde, die Deutschland hat.