Man möchte jetzt mal mit der Faust auf den Tisch schlagen. Und laut werden. Richtig laut, lauter noch als der Bundespräsident und der Innenminister, viel lauter als die nie zum Dröhnen und Drohen neigende Kanzlerin.

Liebe Leute in Washington, möchte man brüllen, habt ihr sie eigentlich noch alle? Wie könnt ihr so blöd sein, einen Doppelagenten beim BND anzuwerben und euch dabei auch noch erwischen zu lassen? Genügt euch der Ärger um Snowden nicht? Ist euch komplett egal, dass der Antiamerikanismus in Deutschland grassiert, dass hier fundamental etwas ins Rutschen kommt?

Und man weiß gar nicht genau, worüber man sich mehr ärgern soll: über die Dreistigkeit der US-Dienste, trotz weltweiter Empörung über die NSA einfach so weiterzumachen wie bisher üblich. Oder über das Schweigen der Regierung in Washington, die mit einem halbamtlichen "sorry" und der Strafversetzung eines mittelhohen Agentenführers eine Menge Druck aus dem Kessel nehmen könnte, es aber partout nicht tut. Oder aber über den Schaden für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, den diese Agentennummer notwendig herbeiführen wird, jetzt, da sie aufgeflogen ist.

Natürlich sind das emotionale Reaktionen, der Ärger genauso wie der Wunsch nach einem offiziellen Wutausbruch. Politik kann so nicht reagieren, auch wenn es ihr manchmal schwerfällt. Und sie reagiert auch nicht so, jedenfalls dann nicht, wenn Angela Merkel diese Politik bestimmt.

Sie muss wägen und abwägen, sie muss die kurzfristige Aufwallung mit den langfristigen Interessen dieses Landes abgleichen, sie will sich und die deutschen Sicherheitsbehörden nicht komplett von den Informationen der US-Geheimdienste abschneiden. Und sie braucht Obama und die Vereinigten Staaten überall, in der Ukraine, bei den Atomverhandlungen mit dem Iran, bei der Bankenregulierung, in Südostasien. Denn im Zweifel, wenn es gegen Putin geht oder gegen Peking, dann sind uns die Vereinigten Staaten doch sehr viel näher als Russland oder China. Aus Tradition und weil sie ähnliche Interessen und Werte haben, im Prinzip jedenfalls: Toleranz, Individualismus, Rechtsstaatlichkeit.

Das alles ist schon richtig, ganz und gar nicht trivial und ein zuverlässiger Bremsklotz gegen überschießenden Zorn oder pubertäre Trotzreaktionen. Nur: Bei allem Abwägen und Nachdenken darf man eines nicht übersehen. Wie fast immer im Leben hat auch in der Politik das Nichtstun Folgen. Und zwar Folgen, die nicht unbedingt angenehmer sind oder leichter zu beherrschen als die Konsequenzen eines entschlossenen Handelns.

Die Verweigerung einer mehr als bloß gewisperten Reaktion der Bundesregierung nach den Snowden-Enthüllungen hat das drastisch deutlich gemacht. Auch das trägt ja zum Provozierenden der neuen Affäre bei: Die Deutschen haben die NSA-Sache nach Kräften runtergespielt, weggelächelt, glattgeschwiegen. Und die US-Agenten? They didn’t give a shit, um es mal milieugerecht zu formulieren. Noch einmal zu schweigen, nichts zu tun und bloß verdruckst auf die Ermittlungen des Generalbundesanwalts zu verweisen ist schlicht keine Option mehr.

Die Staats-Kunst wird darin bestehen, ein paar symbolische Stiche zu setzen, die registriert werden, daheim und in Washington, die aber den ohnehin entstandenen Schaden nicht potenzieren. Und es gibt durchaus solche Signale, die verstanden würden, die vom Bundesinnenminister erwähnte 360-Grad-Spionageabwehr etwa, die sich auch gegen die Amerikaner richten würde; eventuell die Aussetzung oder Kündigung von Abkommen, zum Beispiel des Safe-Harbor - Vertrages, der es den amerikanischen Netzgiganten eigentlich erst möglich macht, in Europa zu agieren; oder, wenn sonst gar nichts verstanden wird, die Einladung an Edward Snowden, doch noch vor dem NSA-Untersuchungsausschuss in Berlin auszusagen.