Das Zittern begann kurz vor der Vorabendmesse. Schon mehrere Wochen lang hatte der katholische Priester Matthias Ibach nicht mehr richtig geschlafen, er plagte sich mit Angstzuständen und Panikattacken. "In mir war eine Unruhe, die ich nicht mehr aus meinem Körper bekam, die ich nicht mehr im Griff hatte", erinnert er sich. Ibach versuchte es mit Selbstbeschwörung, er sagte sich, dass er seine Arbeit gefälligst hinzukriegen habe. Aber an jenem Samstag im September 2011 funktionierte das alles nicht mehr. Seine Hände zitterten. Matthias Ibach wurde panisch. Konnte er die Messe einfach absagen?

Er wälzte den Gedanken lange, schließlich rief er eine Kollegin an und bat sie, ihn zu vertreten. Im Gottesdienst seiner Kirche in Lörrach wurde ein paar Tage später eine Erklärung verlesen: Der Pfarrer ist krank und braucht eine Auszeit.

Solche Situationen kennt man eigentlich nur von Managern. Die Hemmungen haben, ein Meeting abzusagen und sich einzugestehen, dass sie ausgebrannt sind. Für Priester ist das aber noch schwieriger. Sind Seelsorger nicht die Menschen, die für die Nöte anderer da sind, die nie krank werden, egal, wie groß die Last der Arbeit ist? Die mit Gottes Beistand und Idealismus vom Aufstehen bis zum Bettgang für ihre Gemeinde wirken? Und wo sollen sie hin, wenn es nicht mehr geht – in eine Burn-out-Klinik für Führungskräfte?

Matthias Ibach, heute 56, wusste, dass es einen Ort gibt, an dem erschöpfte kirchliche Mitarbeiter so etwas wie Ruhe finden: das Recollectio-Haus in der Abtei Münsterschwarzach. Während seiner Studienzeit hatte er dessen Leiter kennengelernt. Also reiste er nach Franken, um sich dort therapieren zu lassen.

Nur wenige Kilometer östlich von Würzburg ragen mitten im Grünen am Main die vier Türme der Abtei Münsterschwarzach in die Höhe. Die Missionsbenediktiner versehen hier ihren Dienst; mehr als achthundert Schüler besuchen das Gymnasium der Mönche. Es gibt einen Verlag, Werkstätten und eben: das Recollectio-Haus.

Wenn man den Psychologen und Theologen Wunibald Müller dort aufsucht, bittet er zu einem kleinen Spaziergang, vorbei an Sportplatz und Pausenhof und in den Schatten des mächtigen Klostergebäudes. "Wir sind ein therapeutisches Haus in einem spirituellen Kontext", sagt Müller. Jeder Gast – von Patienten ist nicht die Rede – mache im Recollectio-Haus fast drei Monate "volle Pulle Psychotherapie". Dabei steht ihm ein geistlicher Begleiter zur Seite. Anselm Grün zum Beispiel, der schreibende Star-Mönch, mit dem Wunibald Müller das Haus vor mehr als zwanzig Jahren zusammen aufbaute.

Noch in den achtziger Jahren arbeitete Müller in der Diözese Freiburg und beriet Priester und hauptamtliche Mitarbeiter bei Problemen. Er empfahl Therapien oder Klosteraufenthalte und war dennoch unzufrieden mit dem, was er anbieten konnte. Weder die eine noch die andere Art der Hilfe schien ihm das Richtige für Kirchenmenschen zu sein.

Da kamen ihm die Houses of Affirmation in den Sinn, die er bei einem Studienaufenthalt in Kalifornien kennengelernt hatte: Häuser der Bestärkung, in denen Seelsorger mit einer Kombination von Psychotherapie und Spiritualität aufgerichtet werden. Die Abtei Münsterschwarzach mit ihrer tausendjährigen Geschichte kannte Müller noch aus seiner eigenen Schulzeit. Er fragte seinen Freund Anselm Grün, was dieser davon halte, in Münsterschwarzach eine Einrichtung aufzubauen, in der Kirchenmenschen mit kreativer Arbeit, Sport, geistlichem Beistand und Therapie wieder zu sich fänden.

Eine unkonventionelle Idee – Psychoanalyse ist einigen Bischöfen noch heute nicht geheuer. "Wenn jemand in einer Therapie mit seinem eigenen Potenzial in Berührung kommt, kann es passieren, dass er skeptischer gegenüber dem Glauben wird oder mehr gegenüber Autoritäten aufmuckt", sagt Wunibald Müller. Therapeutisch betrachtet, sei das aber ein Erfolg. "Derjenige, der seine eigene Verwundbarkeit kennt, kann anderen weit mehr helfen als einer, der das nicht getan hat." Müller führte viele Gespräche, bis er die Kirchenoberen von der Notwendigkeit einer solchen Einrichtung überzeugt hatte. Mittlerweile finanzieren acht Diözesen das Recollectio-Haus, die einzige katholische Einrichtung dieser Art in Deutschland.

Zusammen mit 17 anderen nimmt der Priester Matthias Ibach an dem dreimonatigen Therapiekurs teil. Seine Tage im Recollectio-Haus sind klar strukturiert: vormittags Gruppentherapie, anschließend Feier der Eucharistie. Nachmittags folgen Arbeit, Sport oder Einzelgespräche mit dem Therapeuten oder einem Geistlichen. Matthias Ibach fühlt sich in den Gesprächen "ermutigt", sich selbst anzuschauen: "Was ist in mir, wer bin ich, wie bin ich geworden? Was hat mich an den Rand gebracht?" Er sagt über diese Auseinandersetzung: "Das war eine intensive lebensgeschichtliche Reflexion. Teilweise schmerzlich, aber auch sehr beglückend."

Ibach arbeitet in den Werkstätten des Klosters, versieht Hausdienste und meditiert jeden Tag. Aikido ist nicht so sein Ding. Das Reiten gefällt ihm gut. Nach langer Zeit spielt er wieder Geige.