Nun stehe ich da und kann nicht anders und fühle mich hundsmiserabel. Ein strahlender Julitag in dem 50-Seelen-Dörfchen Konjšica im Herzen Sloweniens, Ziegen dösen im Halbschatten, Salamander springen über die Feldwege, Vögel zwitschern, das Heu duftet, ab und zu bellt ein Hund, oder die Kirchenglocken läuten – das reinste Sommeridyll. Vor mir, am äußersten Dorfrand, liegt das Haus, in das sich der Jahrhundertdirigent Carlos Kleiber zurückzog, wenn er nicht mehr konnte oder auch einfach nur so, oft wochenlang. Seine Frau, die slowenische Tänzerin Stanislawa "Stanka" Brezovar, stammte von hier aus der Gegend, Fotos in der winzigen Gedenkstätte unten neben dem Dorffriedhof zeigen das Ehepaar mit Freunden und Verwandten auf der Terrasse, lachende Gesichter über grob gestrickten Pullovern, die Slibowitz-Gläser kreisen.

Ich fühle mich hundsmiserabel, weil Carlos Kleiber mein Brieffreund war und ich ihm versprochen habe, dies für mich zu behalten. Bin ich eine Verräterin, wenn ich es jetzt, zehn Jahre nach seinem Tod, preisgebe? An Konventionen war Kleiber nicht interessiert. Muss ich es aber sein? "Z. Zt. bin ich (endogen?) derart depresso, daß es nur noch besser werden kann", schreibt er mir im September 1999 auf einer Postkarte. "Vielleicht macht mich Konjšica froh, so unkompliziert ist’s dort – wie die Stelle mit dem Engl. Horn in den letzten Minuten Heldenleben (s. Notenbeispiel)."

57 Postkarten und Briefe, geschrieben zwischen 1999 und 2004

Das Notenbeispiel, das er mir mit in den Umschlag steckt, umfasst vier Takte aus dem Finale von Richard Strauss’ Tondichtung Ein Heldenleben: von Hand niedergekritzelt, ausgeschnitten und mit Tesafilm an der Postkarte befestigt. Eine Hirten-Singsang-Melodie zwischen c-Moll und Es-Dur, näselnde Viertel, Achteltriolen, typisch Englischhorn – schon stimmen die Geigen und übrigen Bläser mit ein, scheint das Chaos besiegt, jedenfalls in Kleibers Interpretation. 1993 dirigiert er das Heldenleben im Wiener Musikverein, ein legendäres Konzert, das Publikum rast, die Kritiker jubeln. Die Aufnahme wird nie veröffentlicht, wobei die Kleiberianer sich nicht einig sind, ob es, wie so oft, der von Zweifeln zerfressene Dirigent war, der sie verhindert hat, oder der Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, dessen Intonation an diesem Abend schwächelte (was insofern ins Gewicht fällt, als das Heldenleben ein verkapptes Violinkonzert ist).

Dirigiert hat Kleiber seit den neunziger Jahren nur unter Zwang. Ein Verweigerer, ein Spieler, ein böses Kind, dem es frühzeitig ums Verschwinden ging. Weil die Bedingungen künstlerischer Arbeit für ihn immer weniger stimmten, weil die Identifikation mit einer Partitur immer weniger gefragt war. Wie sagte der Agent Ronald Wilford auf die Frage, was Carlos Kleiber vor anderen Musikern auszeichne? "He doesn’t function." Ein Gut, von dem die Branche erst jetzt langsam ahnt, wie hoch es ist. Ich könnte es nutzen.

Carlos Kleibers Postkarten und Briefe an mich, 57 an der Zahl, geschrieben zwischen Januar 1999 und März 2004, habe ich auf meiner slowenischen Reise dabei. Zehn Jahre ist der "semi-conductor", als der er sich im Gegensatz zu bewunderten "Profis" wie Herbert von Karajan oder Riccardo Muti verstand, jetzt tot, und es wird Zeit, dass ich mein Wort breche. Jenes Ehrenwort, das Kleiber mir abpresste, nachdem ich ihm unvorsichtigerweise mit einem Artikel zum 70. Geburtstag gratuliert hatte. Nie wieder, selbst wenn er "echt tot" sei, dürfe ich etwas über ihn veröffentlichen, forderte er, "auch nicht verschlüsselt". Nicht dass ich mich sklavisch an dieses Versprechen gehalten hätte, den Nachruf beispielsweise konnte ich nicht verweigern (wirklich nicht?), und auch über die Biografie, die erschien, die nachgelassenen CDs, die beiden Filme aus jüngerer Zeit gab es etwas zu sagen.

Jetzt aber stehe ich vor seinem verrammelten, verriegelten, so gleichgültig verlassenen Haus in Konjšica, am Ende vom Ende der Welt, inmitten der herrlichsten Natur, und spüre die ganze Last meines Dilemmas. Verrate ich ihn und unsere Beziehung, wenn ich sage, was ich hier sehe? In einer Ecke der Terrasse türmt sich, achtlos hingeworfen, altes Korbgestühl; und auf der Bank, auf der er gestorben sein soll, liegt, einem menschlichen Körper groteskerweise nicht unähnlich, ein zusammengerollter Perserteppich. Ein, zwei Mal im Jahr, heißt es, sei Kleibers Tochter noch hier. Sonst ist der Ort verlassen. Plaudere ich aus, was niemand wissen will, geht es wirklich um Diskretion?

Unten am Weg fährt ein Traktor vorbei, der Fahrer grüßt und ruft mir etwas zu, als ich theatralisch mit den Achseln zucke, drosselt er den Motor und fragt: "Bisschen gucken?" Ich nicke, die Menschen sind so freundlich hier, dass man sich erst daran gewöhnen muss. Kaspar, der kleine Sohn des Bauern, rennt quer über die Wiese zu mir hoch und begleitet mich zurück ins Dorf, lustig brabbelnd und gestikulierend. Das muss es gewesen sein, was Carlos Kleiber, den die Musik durchfloss wie ein Licht, in Konjšica gefunden hatte. Etwas Unverdorbenes, Unbefangenes, absichtslos sich Erfüllendes. Und genau das ist es, was mich darin bestärkt, Auskunft zu geben. Kleiber, mein Carlos, mein "Kater Karlo", mein "Carlowuff", wie er sich selber ironisierte, mag sich grämen, aber der Musikbetrieb in seiner ausladenden Dekadenz hätte ihn heute so bitter nötig wie nie. Als "Wahrheitszeugen", wie es in einem Nachruf hieß, als einen, der lebt, was die anderen nur verkaufen.