Ich denke an Ina und Karl-Heinz Rumpf, als ich tags zuvor neben dem Auto auf Emma warte, die mir die Gedenkstätte aufschließt. Mit den Rumpfs habe ich die Reise ans Kleiber-Grab vor zehn Jahren schon einmal gemacht, von Salzburg aus in einer Audi-A8-12-Zylinder-Langversion, nicht ohne Irrwege, dem Navigationssystem zum Trotz, denn Slowenien ist damals noch ein blinder Fleck auf der elektronischen Landkarte, und am Ende hatte die Luxuskarosse nicht nur einen Platten, sondern, dank meiner, auch eine Beule. Karl-Heinz Rumpf war Chef des Kultursponsorings bei Audi und stand Kleiber nah – spätestens seit dem sagenumwobenen Ingolstadt-Konzert des Bayerischen Staatsorchesters 1996, für das der Dirigent statt Gage einen mingblauen A8 "Perleffekt" mit penibel ausgehandelten Extras erhielt. Die Musikbranche schäumte; Kleiber freute sich, wie er alle hinters Licht geführt hatte; und Rumpf hatte seinen Coup.

Damals hörten wir auf der Fahrt nach Konjšica in Endlosschleifen Beethovens Siebte und die Vierte von Brahms, beide mit den Wiener Philharmonikern, und bis heute assoziiere ich die trauerweidengleich fallenden Terzen im Kopfsatz der Vierten mit jenem Moment, an dem wir nach fünfeinhalb Stunden endlich beim Kirchlein um die Ecke bogen: Wie unsere Schritte im feuchten Friedhofskies knirschten und Karl-Heinz Rumpf, mit dem Gebinde der Salzburger Festspiele in der Hand, plötzlich stehen blieb und schwankte und das Grab sah, seinen schlanken, altmodisch geschwungenen Stein, die goldenen Lettern auf marmorhellem Grund, und wie es ihm entfuhr: "Mensch, Carlos, da biste ja." Als wären die beiden Herren nicht stets förmlich miteinander gewesen.

"Lieber Herr Kleiber", schreibt Rumpf, wenn er eine Idee hat, wie er seinen kapriziösen Kumpan zurück ans Dirigentenpult locken könnte (ihren Fax- und Briefwechsel durfte ich nach Kleibers Tod einsehen), "Hochverehrter Kunstmäzen" oder "Lieber Freund der Musen und Motoren", antwortet der Dirigent und philosophiert über Reifenwechsel, rülpsende Standheizungen und klemmende Fenster. Wirklich locken und verführen aber ließ er sich nur dieses eine Mal, von der mingblauen Limousine. Sein letztes Fax an den Audi-Manager stammt vom 11. Juli 2004, "wie dank Ihrer, AUDI mit meinem über alles geliebten alten wunderbaren A8 umgeht, dafür bin ich unendlich froh und dankbar!", heißt es da und am Schluss, ungewöhnlich pathetisch: "Bless you all!" Noch am selben Tag fährt er nach Konjšica, 48 Stunden später findet ihn der Nachbar auf der Bank vor dem Haus. "Herzinfarkt" stehe im Totenschein, verrät mir Emma, die damals noch ein halbes Kind gewesen sein muss. Sie spricht Englisch und kümmert sich um die Gedenkstätte, um die Fototafeln an den Wänden, den Fernseher, aus dem ein zusammengeschnittenes Best-of quäkt, das alte Harmonium im hinteren der beiden Räume. Der Elektriker schaut nach Feierabend kurz rein und haut mir zu Ehren in die Tasten. Es jault und quietscht, und alles riecht nach Slibowitz.

Kleibers Musik macht, dass man sein Leben ändern muss. Sofort

Die Gerüchte freilich, Kleiber habe sich umgebracht, halten sich hartnäckig, und die Familiengeschichte legt es fast nahe. Schon die Mutter hat sich angeblich erhängt, er selbst litt an Prostatakrebs und hatte Depressionen. Auch Erich Kleiber, dem berühmten Dirigentenvater, der dem Sohn zeitlebens zwischen den Schultern saß, wird kein natürlicher Tod nachgesagt – welcher österreichische Musiker stirbt schon am 27. Januar 1956, an Mozarts 200. Geburtstag? "Ich hab ein Herz für alle Suizide!", schreibt Kleiber mir im Dezember 1999, als bekannt wird, dass der Schauspieler Ulrich Wildgruber auf Sylt ins Wasser gegangen ist. "Besonders für Shinju (Jap. ›double suicide‹). Das schreibt sich ›heart‹ und ›inside‹. Shinju = Also! ›heart-inside‹! Wow!" Und als zwei Monate später, an Mozarts 244. Geburtstag, sein Freund Friedrich Gulda stirbt, der österreichische Pianist, fragt Kleiber mich und sich in einem PS: "hat er ›nachgeholfen‹ ... am 27.1.2000? Ich glaube: ja!"

Ist es nun wichtig, ob es Selbstmord war oder nicht? Sagen wir so: Selbstmord wäre die letzte Konsequenz aus Kleibers Kunsternst.

Ina und Karl-Heinz Rumpf konnten sich ihre Todesart nicht aussuchen, Weihnachten 2004 kamen sie während des Tsunamis im thailändischen Khao Lak ums Leben. Ihr Sohn Christoph war dreieinhalb Jahre alt, von ihm fehlt bis heute jede Spur.

Meine persönliche Geschichte mit Carlos Kleiber beginnt 1997 mit einer Leserbriefschlacht. Edita Gruberova hatte in München einen Arienabend gegeben, an dessen Ende der damalige Staatsopernintendant Peter Jonas in einem Meer lachsroter Rosen vor der Primadonna auf den Knien lag. Ich fand das unangebracht, die Leser der Süddeutschen Zeitung fanden das nicht, es hagelte Waschkörbe voller Briefe – deren hässlichste die Redaktion, um ein Ventil zu schaffen, schließlich auf zwei Seiten abdruckte. In dieser Situation erreichte mich ein anonymes Fax: "Don’t let ›the Pope‹ nor the ... [ unleserlich: pebble?] get you down!", ich hätte vollkommen recht, und meine Kritiken seien "as amusing as Corno di Bassetto’s (G. B. Shaw’s)". Unterschrift: "Nicht von schlechten Eltern". Ich rätselte, wer der Absender sein könnte, und bewahrte das Fax auf.

Der Rest ist rasch erzählt, denn als der Spiegel ein paar Monate später Kleibers handgeschriebene Liste der Extras für seinen A8 veröffentlichte, brachte mich ein einfacher Schriftvergleich auf die richtige Spur. Die Liste, mein Fax, mein Fax, die Liste: Der Absender war Carlos Kleiber. Unglaublich, aber wahr. Kleiber, dem ich seit den frühen achtziger Jahren so Einschneidendes verdankte. Ich habe vor Kleiber nicht gewusst, dass Musik so etwas kann: einen nach eher gut gelaunten Stücken wie der Fledermaus, dem Rosenkavalier oder Beethovens Pastorale regelrecht krank zu machen, weil sie mit solcher Wucht an die eigene Seele rühren. Der Übergang vom abziehenden "Gewitter" zum "Hirtengesang" in der Pastorale etwa, wie unendlich zärtlich, ja zittrig sich da die Geigen nach dem Blöken der Holzbläser des Themas annehmen, als trauten sie dem Frieden nicht, weil man nichts und niemandem trauen kann und jeder Sturm Spuren hinterlässt, und wie gleichwohl die Sonne durch die Wolken bricht: Das habe ich nie wieder so gehört (von den flotten, die Beethovenschen Metronomzahlen befolgenden Tempi ganz abgesehen). Es gab Zeiten, da lag ich nach Kleiber-Dirigaten tagelang im Bett, entschlossen, mich dem sogenannten richtigen Leben nie wieder auszusetzen – oder eben ganz anders. Und ein bisschen anders ist es darüber auch geworden.