Der Applaus tost, kaum dass der Pianist Chilly Gonzales den Raum betritt. Stundenlang haben die Leute Schlange gestanden, um ihn in einem Berliner Kaufhaus bei einer öffentlichen Stunde zu erleben. Alle wollen sehen, wie dieser Mittvierziger in Strickweste und Pantoffeln drei ausgewählte Schüler einweiht in das, was die Musik im Innersten zusammenhält.

Gonzales hat ein Lehrbuch geschrieben und damit einen Coup gelandet. In wenigen Tagen war die erste Auflage ausverkauft. Ein Klavierlehrbuch auf dem Weg zum Bestseller – wie geht das? Was macht Chilly Gonzales, der aus Toronto stammende, in Köln lebende, zwischen Klassik und Pop driftende Jazz-Tausendsassa anders als andere Klavierlehrer?

Er macht Spaß. Seine Re-Introduction Etudes wenden sich an all die Czerny-Geschädigten, die jahrelang mechanisch Fingersätze exerzieren, ohne auch nur einen Funken Musik zu spüren. Und auch an die Kids, die das Klavierüben zugunsten der Beats aufgegeben haben, die sie am Laptop zusammenklicken. Ihnen erklärt Gonzales das Instrument noch einmal von Grund auf: "Das Klavier ist eine Art akustischer Synthesizer. Es hat zwar Tasten, braucht aber keinen Strom." Und er fügt hinzu: "Brahms hat keine Soundcloud-Seite."

Strom fließt durchaus, wenn Gonzales selbst als Inspirator, Komponist oder Produzent verpflichtet wird, bei Leslie Feist, Peaches, Jane Birkin oder Daft Punk. Doch hat er mit seinen beiden Solo Piano-Alben (2004 und 2012 erschienen) eine Renaissance des reinen Klavierspiels ausgelöst. In seinen Miniaturen funkeln deutsche Romantik und französischer Impressionismus. Sie sind im besten Sinne erspielt, aus seinem Innern heraus freigelegt. Besonders seine Jazz-Lehrer, sagt Gonzales, hätten ihn weitergebracht, indem sie nicht darüber gesprochen hätten, wie er am Klavier zu sitzen habe, sondern darüber, wie man Musik mache. Improvisation: für ihn festes Tagesritual, Selbsterforschung. Klavier, überhaupt ein Instrument zu spielen: Überlebensmittel.

Der Großvater, aus Ungarn stammend, die eigene Pianistenlaufbahn abgebrochen durch die Emigration nach Kanada, setzt den Jungen als Vierjährigen erstmals auf den Hocker. Das Pensum: ehrgeizig, penibel, "nahezu zwanghaft". Der Junge will lieber Songs von Lionel Ritchie spielen.

Er saß wohl kaum je kerzengerade und mit zitternden Händen vor den 88 Tasten, wie es heute seine Schüler in der öffentlichen "Meisterklasse" tun. Er muss schon als Kind Lust an der Anarchie gespürt haben. Seine Etüden, eigens komponiert und Hausgöttern wie Nina Simone oder Chet Baker gewidmet, erklären auch theoriefernen Schülern, was es auf sich hat mit Dur und Moll, Quintenzirkel und Arpeggien. Und zwar so, dass alle Lernwilligen die fundamentale musikalische Wahrheit erfahren: Am besten ist es, man spielt einfach.