Da er das Schicksal schon viel zu lang und oft und dreist herausgefordert hatte, waren die Abnutzungserscheinungen nicht mehr zu übersehen. "Sein Gesicht", berichtet der Schriftsteller Walter Kirn über Clark Rockefeller, "wirkte irgendwie abgerieben, müde und verschwommen wie ein zu häufig fotokopiertes Dokument. Nur um seinen Mund herum war noch Lebendigkeit." Rockefeller ist im Verhandlungssaal eines kalifornischen Gerichts mit Handschellen an seinen Stuhl gefesselt. Aber diese Lippen werden sich wohl noch im Grab bewegen. Auch jetzt, wo doch alles vorbei ist, setzen sie Geschichten in die Welt, von denen sich Walter Kirn, der Schriftsteller, 15 Jahre lang hat verführen lassen. Es war übrigens Liebe. Jetzt geht es um Verrat.

An diesem Augusttag des Jahres 2013, an dem das Gericht in der Sache Rockefeller wg. Mordes verhandelt, begegnen sich die beiden zum letzten Mal. Kirn sinnt auf Rache. Seine Waffe ist die Tastatur, auf der er schon zwei Romane, Kurzgeschichten und viele Literaturkritiken, zum Beispiel für die New York Times Book Review, geschrieben hat, nun erscheint also seine Version der Geschichte über Rockefeller. Und im Unterschied zu allen Geschichten, die Rockefeller je zum Besten gab, und auch nach allem, was das Gericht und die Reporter herausgefunden haben, ist diese Geschichte so wahr, wie es die Realität nun einmal sein kann. Blut will reden. Eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade heißt Walter Kirns Buch, das sich so spannend liest wie die besten Kriminalromane.

Clark Rockefeller hat einen, wahrscheinlich aber zwei Menschen getötet. Er heißt auch gar nicht Rockefeller. Christian Gerhartsreiter steht in dem Reisepass, den die Polizei gefunden hat, er wurde am 21. Februar 1961 (ein Jahr vor Walter Kirn) geboren, in einem bayerischen Dorf namens Bergen. Mit 17 Jahren wanderte Gerhartsreiter nach Amerika aus, wo er sich zunächst in Berlin, Connecticut, niederließ; der Ortsname klang wohl vertraut. Im Jahr 1985, er nannte sich nun Chris Chichester und wohnte im kalifornischen San Marino, erschlug er John Sohus, den Adoptivsohn seiner Vermieterin, zugleich verschwand auch dessen Ehefrau. Nur die Leiche von John Sohus wird gefunden – in Teile zerschnitten und in Plastiktüten verpackt, wird sie neun Jahre nach der Tat von einem späteren Hausbesitzer ausgegraben, als er im Garten einen Swimmingpool anlegen will. Dann dauert es noch mal eine Ewigkeit, bis genug Indizien für einen Prozess zusammengekommen waren: Im Januar 2012 wird Gerhartsreiter des Mordes angeklagt, da liegt die Tat schon 27 Jahre zurück. Weil die Geschworenen auf schuldig plädieren und die Revision scheitert, sitzt Gerhartsreiter nun mindestens bis 2035 im Gefängnis. Er wäre nach seiner Entlassung ein alter Mann.

Christian Gerhartsreiter alias Clark Rockefeller © Joe Klamar/AFP/Getty Images

Gerhartsreiter hat schon einmal, im Jahr 2008, vor Gericht gestanden. Er hatte seine Tochter entführt, nachdem ihm von seiner damals zweiten Ehefrau, einer Amerikanerin, das Sorgerecht entzogen worden war. Gerhartsreiter kam davon. Das Maskenspiel dieses bayerischen Hochstaplers, der sich je nach Anlass auch schon als Chris C. Crowe, C. Crowe Mountbatten, Charles Smith und Chip Smith vorgestellt hat, schien aber derart spektakulär, dass sich die Star-Reporter der größten Magazine sofort für ihn interessierten. Zum Beispiel der Vanity Fair-Mann Mark Seal. Der Reporter reiste bis nach Bayern, wo Gerhartsreiter wie überall verbrannte Erde hinterlassen hatte. Seal führte unzählige Interviews und publizierte seine Reportage auf vierhundert Seiten (Der Mann, der Rockefeller war, btb Verlag 2011) – ein auch erzählerisches Meisterstück. Dass Seals mittlerweile verfilmtes Buch bei Walter Kirn übrigens nur eine einzige karge Erwähnung findet, erscheint engherzig. Kirn sollte sich nicht ärgern. Wenn auch nicht als Erster, so behandelt er den Stoff doch wie keiner vor ihm. Hier hat sich nicht ein Autor für sein Thema entschieden, sondern umgekehrt. Dass sich Schriftsteller und Mörder überhaupt über den Weg gelaufen sind, ist dabei genauso irre wie alles andere an dieser stets vollkommen surrealen Tatsachengeschichte.