Mittagessen im Tour d’Argent schräg gegenüber von Notre-Dame: Die Sommelière legt mir eine Weinkarte auf den Tisch, in Leder eingebunden und so dick wie zwei Telefonbücher. Vom Seine-Ufer strömt Licht durch die Fenster und bricht sich in goldgerahmten Spiegeln. Ein Käsewagen gleitet lautlos über den schweren Teppich aus dem Saal, geschoben von einem Kellner im Frack.

Frühstück im Café Mickey, 40 Kilometer weiter im Osten: A-Hörnchen und B-Hörnchen hüpfen am gebratenen Speck vorbei und knallen dabei rhythmisch Messer und Gabel aufeinander – alle sollen einstimmen! Währenddessen läuft Pluto von Tisch zu Tisch. Zwanzig Kinder quietschen vor Entzücken. Als dann noch Micky und Minnie Maus persönlich die Gäste begrüßen, bleiben nur die Eltern auf den abwaschbaren Bänken sitzen und lassen ihre Kameras klicken. Ich will auch auf ein Foto mit Micky.

Das Gourmetrestaurant am Quai de la Tournelle und das Spaßlokal im Disneyland haben mehr miteinander gemein, als man denken könnte. Die beiden verbindet ein Film. 2007 feierte DisneyPixar mit Ratatouille einen Welterfolg. Der Animationsfilm erzählt die Geschichte von Rémy, einer Ratte, die davon träumt, Koch im Pariser Sternerestaurant Gusteau’s zu werden. Hier trifft Rémy auf den Küchenjungen Linguini, der ihn als Ungeziefer töten soll, dann jedoch sein bester Freund wird. Gemeinsam schlagen sie den Chefkochschurken Skinner in die Flucht. Und während Linguini lernt, auf Rollschuhen zu kellnern, rettet Rémy den lädierten Ruf des Hauses mit einer schlichten Bauernspeise: Ratatouille.

Das Gusteau’s gibt es nicht. Als Inspiration dafür diente den Filmleuten das Tour d’Argent. Sie übernahmen Teile der Einrichtung, der Nachbarschaft, aber auch der Geschichte des Hauses, das zwei seiner ehedem drei Michelin-Sterne verloren hatte. Nun wird die Fiktion Wirklichkeit oder jedenfalls begehbar. Nach fünf Jahren Bauzeit eröffnet an diesem Donnerstag auf dem Disney-Gelände Rémys Welt als lebensgroßer Pariser Straßenzug. Den Vergleich mit dem Vorbild scheuen die Disney-Leute nicht. "Paris in Paris, das ist die allerperfekteste Kombination", ließ ein Creative Director verlauten. Das will ich sehen.

Die Straße, die leicht abschüssig ins überraschend große Mini-Paris führt, heißt Rue de Gusteau. Sie endet auf einem Platz, der in weiten Teilen der Place Dauphine auf der Île de la Cité ähnelt. Hier heißt er Place de Rémy. Schmiedeeiserne Laternen und Geländer säumen ihn; Platanen und Kastanien hängen ihre Blätter in den Wind. Ringsum gruppieren sich typische Pariser Häuser, etwas kleiner als ihre Vorbilder, manche in Rot-Weiß mit angedeuteten brique et pierre- Fassaden, andere ganz in beigefarbenem Haustein gehalten. Auf den Dächern glänzen Zinkbleche wie auf dem Boulevard Haussmann. Blumen blühen üppig vor den Fenstern, als lebte hinter den zugezogenen Gardinen tatsächlich jemand, der sie gießt.

Schuhe drohen mich zu zerquetschen, Paprikaschoten fallen vom Himmel

Inmitten dieser Gebäude führt ein Gang ins Herz der Attraktion, zur Ratatouille-Bahn. Hier wird der Mensch zur Ratte. Das funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Läuft man hinein, verändern sich nach und nach die Proportionen der Umgebung. Zunächst ist das nicht gerade spektakulär. Dann aber doch. Ich bekomme eine 3-D-Brille verpasst und steige in ein sogenanntes Rattenmobil, eine kleine Gondel, wie man sie aus Geisterbahnen kennt. Damit beginnt der Trip. Ich schmelze regelrecht in Rémys Welt hinein.

Die Fahrt startet auf den Dächern von Paris. Dachrinnen, so breit wie Badewannen, hängen über meinem Kopf, ich werde zu einer Leinwand gefahren. Vor mir taucht Rémy als Hologramm auf, umschwirrt von einem dicken Koch, halb transparent, mit Glitzerschweif. Plötzlich öffnet sich eine Dachluke. Gemeinsam stürzen wir kopfüber in die Tiefe und landen auf dem schwarz-weiß gekachelten Boden der Küche des Gusteau’s.

Das Rattenmobil ruckelt und zuckelt im Takt des 3-D-animierten Traumes, der sich auf der Leinwand vor mir entfaltet. Lederschuhe walzen durch mein Sichtfeld, drohen mich zu zerquetschen, riesenhafte Paprikaschoten fallen vom Himmel. Gott sei Dank ist Rémy da, der kennt sich aus, wir flüchten in die dämmrige Kühle einer Speisekammer, wo Orangen duften und baumstammdicke Würste von der Decke baumeln. Dann jagt uns der Küchenchef nach – Skinner, der Irre! –, seine Pranken greifen nach uns. Wir quetschen uns durch ein Loch in der Wand, landen in einer anderen Küche, in der Rémys Rattenkumpel kochen und Linguini auf Rollschuhen gerade die servierfertigen Gerichte abholt.

Mitten im Kochtrubel gerate ich in die Schusslinie einer Champagnerflasche, die ein paar Nager gerade öffnen, und werde – kawumm! – mit dem Korken in das Restaurant im Obergeschoss geknallt. Wo noch mehr Ratten hocken – und mir zujubeln. Sie scheinen sich zu freuen, dass ich überlebt habe.