Der sogenannte Buchhändler aus Würselen hielt den Karlspreis wahrscheinlich lange Zeit für ein historisches Dokument. Der langjährige Premierminister aus Luxemburg wohl auch. Diese beiden provinziellen Figuren, heute so prominente Europafunktionäre, kamen aus einer sozusagen karolingischen Landschaft, wo man keine Idee davon hatte, was ein nation-state ist. Deshalb ihre Faszination für die Idee eines vereinigten Europa. Aber das war und ist eine Utopie.

Die meisten Utopien, nicht zuletzt die berühmteste, Thomas Morus’ Utopia (1516), waren nicht gedacht als Skizzen für eine zukünftige Realisation in der Wirklichkeit. Die meisten von ihnen waren literarische Konstruktionen zwecks Fantasieanregung. Der Gedanke von einer Vereinigung der europäischen Staaten, in welcher Form auch immer, war indes, als sie erdacht wurde, eine Utopie, der der Anspruch auf Verwirklichung innewohnte. Was ist nun aber an dem Kriterium der Utopie "Europa" dran, also der angeblichen kulturell-politischen Identität, dem Integrationspotenzial? Utopien, auch die literarischen, sind durchweg Antworten auf Krisen, und die Utopie "Europa" ist gerade nach dem Wort ihrer Vorkämpfer und Fürsprecher die Antwort auf die Krise des 20. Jahrhunderts: die beiden Weltkriege.

Nach dem Ersten Weltkrieg erschienen Werke von einflussreichen europäischen Denkern, in denen eine spezifische emphatische Idee von Europas geistiger und politischer Größe, nicht zuletzt seinem Vorrang an innovatorisch-kritischem Denken ausgesprochen wurde. Der Wortlaut dieser Appelle hat das Gemeinsame, dass es ihnen an jeder Andeutung von politischen Strukturen fehlt, die eine solche behauptete Einheit haben könnte: Das Defizit der modernen Europa-Utopie war von Beginn an angelegt. Paul Hazard, der französische Kulturhistoriker, schrieb in seinem 1935 erschienenen Buch La Crise de la conscience européenne 1680–1715, dass Europa einen gemeinsamen Genius habe, der sich selbst gegenüber mitleidslos und auf der Suche nach Wahrheit sei. Die geistige Identität also ist das Kriterium bei Ausblendung der doch unterschiedlichen politischen Institutionen und Traditionen der west- und mitteleuropäischen Staaten. Benedetto Croce hatte schon 1919 in seinem Werk Geschichte Europas im 19. Jahrhundert den Entwurf einer europäischen Union vorgelegt, der 1947 hätte geschrieben werden können. "Wer aber tiefer darüber nachdenkt, wer sich nicht mit äußeren Erscheinungen zufriedengibt, sondern zum inneren Wesen Europas vordringt, wer die Leidenschaft und Handlungsweisen der europäischen Seele selbst erforscht, der wird bald dazu gelangen, die geistige Kontinuität und Homogenität dieser beiden Zustände Europas wiederherzustellen ..."

Auch hier wiederum, expressis verbis, keine Rücksicht auf das, was Croce "äußere Erscheinung" – das wären die politischen Institutionen – nennt, sondern der Rekurs auf so vage Begriffe wie "Wesen" und "Seele". Ortega y Gasset wiederum hat in seinem bekanntesten Werk Der Aufstand der Massen (1930) angesichts der Bedrohung durch den sowjetischen Kommunismus ebenfalls die Vereinigung Europas gefordert, eines Europas, das begründet sei auf einer sittlichen Idee, auf einem Typus der menschlichen Spielart, der sich der Vermassung entzieht, der "alle Mühe und Inbrunst der Geschichte auf die Karte der Persönlichkeit gesetzt" habe. Es ließen sich deutsche Stimmen anfügen, besonders die Martin Heideggers, der in seinen Hölderlin-Vorlesungen zwischen 1933 und 1944 ebenfalls über eine allen politischen Kategorien entfremdete Vorstellung vom "Wesen" des "Abendlandes" sprach.