Ende April war sie noch zuversichtlich. Da ging die Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt sogar davon aus, dass sich schon bald alles zum Besseren wenden könne. Jetzt aber trat sie so abrupt zurück, dass allerorten Verwunderung herrscht. Sie selbst erklärt den hastigen Schritt damit, bei ihrer Strategie von Investor Nicolas Berggruen nicht ausreichend unterstützt worden zu sein. Das klingt zwar direkt, bleibt aber recht pauschal. Dabei steht zu vermuten, dass es sehr konkrete Dinge waren, welche die resolute Schwedin und ehemalige Ikea-Managerin in die Flucht getrieben haben.

Bei der undurchsichtigen Gemengelage rund um Karstadt ist das kein Wunder. Seit Langem schon zieht der zunächst als Lichtgestalt gefeierte Berggruen massive Kritik auf sich, weil er kein eigenes Kapital in die Geschäfte des Warenhauskonzerns steckt. Doch so viel sei der Fairness halber gesagt: Es ist durchaus umstritten, ob allein der Mangel an Geld das Kernproblem von Karstadt ist.

Der Einzelhandel leidet insgesamt unter Umsatzschwund, das vergangene, im Handel so wichtige Weihnachtsgeschäft fiel miserabel aus. Und angeblich laufen bislang die modernisierten Karstadt-Filialen nicht besser als die anderen.

Trotzdem kommt es nicht gut an, dass sich Berggruen seinerzeit für die Markenrechte an Karstadt sehr stattliche Lizenzgebühren sicherte. Die sollen 12 Millionen Euro im Jahr betragen und von Karstadt an die Berggruen-Holding fließen. Die aber ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die kalte ökonomische Logik des Investors Berggruen überrascht vor allem jene, die ihn lange als Heilsbringer sahen. Umso größer ist für sie jetzt die Enttäuschung. Auch Sjöstedts Rücktrittserklärung klingt entnervt: "Die Voraussetzungen für den von mir angestrebten Weg sind nicht mehr gegeben", heißt es da. Doch welche Versprechungen hatte Berggruen ihr konkret gemacht? In diesem Punkt blieb Sjöstedt vage.

Mindestens so bedeutend wie die Rolle des deutschamerikanischen Milliardärs im Karstadt-Drama ist jene des Quereinsteigers René Benko. Der illustre Immobilienhai aus Österreich hat Anfang vergangenen Jahres aus dem gesamten Karstadt-Fundus die Mehrheit an den drei deutschen Luxushäusern in Berlin (KaDeWe), Hamburg (Alsterhaus) und München (Oberpollinger) sowie den Sportgeschäften übernommen.

Bei Berggruen verblieben die 83 klassischen Warenhäuser. Seine Erklärung für diese Zerschlagung des Konzerns klang nicht gerade nach Kaltschnäuzigkeit: Er habe die Kontrolle über das Geschehen verloren, räumte er ein, und deshalb für Bares gesorgt. Die mit Benko vereinbarten 300 Millionen Euro sollten nicht an ihn, sondern in die Karstadt-Gruppe fließen. Doch wie viel Geld tatsächlich in welchen Filialen bislang angekommen ist, bleibt das Geheimnis der wenigen Eingeweihten.

Auch ansonsten ist es mit der Transparenz bei Karstadt nicht weit her. Zeitnahe Geschäftsberichte gibt es nicht mehr, seit Berggruen der Besitzer ist. Und zu einer Bekanntmachung im amtlichen Bundesanzeiger, zu der jedes Unternehmen verpflichtet ist, konnte sich Sjöstedts Vorgänger Andrew Jennings erst entschließen, nachdem die zuständige Behörde den Konzern zur Zahlung eines Bußgeldes verdonnert hatte.