Absolutely outrageous! Un-er-hört! Die Abonnenten der Times sind erschüttert von dem, was sie da in ihrer Samstagsausgabe lesen müssen: die Staatskarosse des Königs attackiert, auf dem Weg zur Eröffnung des Parlamentsjahres 1795 von einem aufgebrachten Mob mit Unrat beworfen! Und mehr noch: Es war ein Angriff auf Leib und Leben von George III. Das kreisrunde Loch im Seitenfenster der Kutsche zeuge von einem Geschoss, "vermutlich aus einem Luftgewehr", wie die Times berichtet.

His Majesty waren mit einem Schrecken davongekommen, seine Kutsche dagegen hatten die Demonstranten zerlegt. Frieden hatte der Pöbel verlangt. Und Brot, bezahlbares Brot. Vereinzelt waren sogar Rufe zu hören wie "Nieder mit George!" und "König ohne Kopf!". So etwas habe dieses Land noch nicht gesehen, schäumt die Times: "Jeder gute Bürger hat zweifelsohne ein tiefes Interesse daran, die Urheber dieser Exzesse aufzudecken, welche offenbar von den gleichen Aufrührern geplant wurden, die in jüngster Zeit regelmäßig versucht haben, den öffentlichen Frieden zu stören."

Jeder weiß, wer damit gemeint ist: die Mitglieder der notorischen London Corresponding Society. Denn entgegen landläufiger Meinung gab es auf den britischen Inseln durchaus Sympathien für die Französische Revolution – auch wenn die englischen Jakobiner in der Wahl ihrer Mittel viel gemäßigter waren als ihre kontinentalen Gesinnungsgenossen, frei nach dem Motto: Radicalism? Yes, but in an orderly fashion! Ja, aber schön gesittet!

Wahlrecht für jeden erwachsenen Mann – unerhört

Das rhetorische Sturmgeschütz der Protestbewegung war ein Mann namens John Thelwall, ein politischer Aktivist, Journalist, Schriftsteller, Redner und "freigesprochener Schwerverbrecher". Wenige Tage vor der skandalösen Attacke auf den König spricht er auf der größten Versammlung des radikalen Reformclubs – unter freiem Himmel auf den Copenhagen Fields, vor mehr als 200.000 Zuhörern. Und so wie in jeder seiner Reden fordert er das Wahlrecht für jeden erwachsenen Mann. Man stelle sich vor: für jeden!

So habe es in Frankreich auch begonnen, raunt die Times: "Dort wie hier haben ein paar politische Abenteurer die erwerbstätigen Armen von ihrer Arbeit weg- und auf die Felder der Volksverhetzung gerufen und ihren Geist mit aufrührerischen Predigten auf Gewalt eingeschworen. [...] Ein öffentliches Exempel an diesen Aufrührern scheint absolut notwendig für die Ruhe in diesem Land."

Premierminister William Pitt lässt sich nicht lange bitten: Innerhalb weniger Wochen peitscht er zwei Gesetze durchs Parlament, ein verschärftes Hochverrat-Gesetz und eines über aufrührerische Zusammenkünfte. Endlich bietet sich ihm die Gelegenheit, den Umtrieben von Thelwall und Konsorten Herr zu werden. Als gagging acts, Knebelparagrafen, werden die Gesetze bekannt und die Politik der englischen Regierung als "Pitt’s reign of terror".

Nun haben weder John Thelwall noch andere führende Mitglieder der London Corresponding Society je zum Sturz des Königs aufgerufen oder gar zu seiner Ermordung. Zwar liebäugelt Thelwall offen mit den Idealen von 1789, und als er 1794 in Festungshaft sitzt, verfasst er eine Ode auf die Zerstörung der Bastille. Der kämpferischen Verse zum Trotz aber sind er und die meisten seiner Mitstreiter eher Reformer als Revolutionäre und sehen sich als Beschützer der englischen Verfassung. Weil sie mit jakobinischen Ideen von der Gleichheit aller Bürger sympathisieren, werden sie trotzdem schnell als Vaterlandsverräter gebrandmarkt, zumal England seit 1793 mit Frankreich im Krieg steht. John Thelwall wird – halb Schmähung, halb Anerkennung – als "Jakobinischer Fuchs" bekannt. Dabei schien für den Sohn eines kleinen Seidenhändlers nichts ferner zu liegen denn eine Karriere als politischer Agitator oder gar Redner – nicht nur weil er an Asthma litt und lispelte.

Liebe für Shakespeares Werk

Geboren vor 250 Jahren, am 27. Juli 1764, im zweifelhaften Londoner Stadtteil Covent Garden, zeigt John früh großes Interesse für Bücher, Theaterspiel und bildende Künste – sehr zum Ärger seiner Mutter, die seit dem Tod ihres Mannes das Geschäft alleine führt. Als John 13 Jahre alt ist, nimmt sie ihn von der Schule, damit er im Laden hilft. Eine Lehre als Schneider bricht er ab, und auch die Arbeit in der Anwaltskanzlei seines Schwagers kann ihn auf Dauer nicht begeistern, und nachdem er einer ehrlichen, aber überschuldeten Familie einen Vollstreckungsbescheid zustellen musste, quittiert er angewidert den Dienst.

Schon zuvor hatte Thelwall sich lieber mit Shakespeare und klassischer Philosophie beschäftigt. Einige seiner literarischen Arbeiten hat er sogar veröffentlichen können: Gedichtbände, Theaterstücke, Romane, das meiste davon völlig unpolitisch, romantische Märchen, in denen heldenhafte Ritter ehrbare Jungfrauen vor feuerspeienden Lindwürmern retten.

Seine wahre Bestimmung findet Thelwall als politischer Redner. Ende der 1780er Jahre kommt er in Kontakt mit verschiedenen Londoner Debattierclubs. Leidenschaftlich argumentiert er für die Redefreiheit und gegen die Sklaverei. Im Alter von 29 Jahren tritt er der London Corresponding Society bei. Mit ihren regionalen Ablegern wird sie rasch zur einflussreichsten der Korrespondenz-Gesellschaften – ihre Mitglieder tauschen sich hauptsächlich in Briefen untereinander aus, daher der Name.

Diese Societys gründen sich aus der Mitte des Bürgertums heraus. Die Debatten laufen äußerst gesittet ab. Jeden Anschein von Gewaltbereitschaft versuchen sie zu vermeiden. In ihren Petitionen berufen sie sich immer wieder auf die Verfassung und beschwören ihre Treue zur Monarchie. Im Gegensatz zu ihren französischen Freunden wollen sie die bestehende Ordnung nicht abschaffen.

Wichtig ist nicht, was gefordert wird, sondern wer es fordert

"Die Beziehung der Briten zu ihrem König war zwar eher hemdsärmelig, der Republikanismus aber hatte nie einen starken Rückhalt in der Gesellschaft", sagt Steve Poole, Historiker an der University of the West of England und Vorsitzender der John Thelwall Society. "Wenige sehnten sich nach einer Revolution, England hatte ja 100 Jahre zuvor seine eigene Glorious Revolution erlebt." Teil der damals beschlossenen Bill of Rights waren das Recht auf freie Rede, freie Versammlung und Petition.

Auf genau diese Rechte berufen sich nun die Mitglieder der Corresponding Societys. In den Augen der Regierung sind sie trotzdem brandgefährlich. Wie so oft ist es dabei nicht nur wichtig, was gefordert wird, sondern wer es fordert: Im Parlament hatten die liberalen Whigs immer mal wieder dafür plädiert, dem neuen Bürgerstand das Wahlrecht einzuräumen, ohne dass die Forderung irgendwelche Konsequenzen nach sich gezogen hätte (vom einfachen Landvolk und der entstehenden Arbeiterklasse oder gar den Frauen sprach niemand). Nun sind es Bürger von relativ niedrigem Stand, die solche Forderungen stellen. Die London Corresponding Society wird von einem einfachen Schuhmacher geleitet, ihre Mitglieder sind Kunstschreiner, Uhrmacher, kleine Verleger, Kaufleute, Juristen, Ärzte. Sie treten für niedrigere Steuern, für billigere Lebensmittel, bessere Erziehung, Rechtsreformen, eine Altersversorgung und vor allem: ein allgemeines Wahlrecht ein – und das in aller Öffentlichkeit.