Auf der schottischen Insel Mainland wird das Spiel mit dem Ball so gespielt, wie man es immer spielen sollte: ohne Zuschauer, nur mit Beteiligten. Wer sich dort aufhält, spielt auch mit. In Kirkwall, der größten Ortschaft der Insel, findet jedes Jahr an Weihnachten das legendäre Ba’Game statt. Ungefähr 150 Uppies (Bewohner der Südstadt) kämpfen gegen 150 Doonies (Nordstädter). Ziel des Kampfes ist es, einen Lederball ins Tor der Uppies (an eine Hauswand) beziehungsweise ins Tor der Doonies (ins Hafenbecken von Kirkwall) zu werfen. Der Kampf kann 15 Stunden dauern, es gehen Zähne dabei verloren und Nasenbeine zu Bruch, eine tonnenschwere Menschenmoräne quetscht sich durch die Straßen, und gewonnen hat am Ende lustigerweise die Mannschaft, die es schafft, den Ball ins eigene Tor zu bugsieren.

Ich bin sicher, dass es sich beim Ziel des Spiels um einen Vorwand handelt: Die Männer von Kirkwall wollen erst in zweiter Linie ein Tor machen. In Wahrheit zelebrieren sie zähnefletschend das Glück, für ein paar kostbar sinnlose Stunden alle dasselbe vorzuhaben: Jeder weiß jetzt von jedem, wo er ist und was er will. Alle stecken unter derselben stammesgeschichtlichen Decke.

In Brasilien, bei der WM, ist die Essenz des Dorfkampfes noch zu spüren. Wenn man sich den Stadien nähert, hört man lauter Leute auf den Tribünen, die so stöhnen, als befänden sie sich auf der Dorfkreuzung von Kirkwall: Kämpfer ohne Aussicht auf Erlösung.

Fußball ist jene Tragödie, von der man sich erholt, indem man sich zurück in die schlimmere, wirklich bös endende Tragödie des eigenen Lebens begibt. Es ist der kollektive Aufschub allen persönlichen Unglücks. Immer mehr Menschen verständigen sich darauf, dieses Spiel für das eigentliche Weltgeschehen zu halten. Und falls es so etwas wie ein Weltgedächtnis gibt, sammeln sich darin offenbar vor allem zwei Arten von Handlungen: einerseits die Kriege und Verbrechen, in die ein Land verwickelt ist, andererseits die Art und Weise, wie sich notorische Nationen im Fußball schlagen. Beispielhaft ist das Tremolo dieses Legenden-Sprechens an einem Kommentar der großen brasilianischen Zeitung O Globo zu studieren, welcher den Einzug der deutschen Mannschaft ins WM-Halbfinale feiert: "Es ist, als wäre es in den Schriften der Weltmeisterschaft festgelegt, als wäre es dem Geist des Fußballs eintätowiert, seit der Ball ein Ball ist: Wenn der Moment kommt, in dem es nur wenige Überlebende gibt, ist Deutschland einer von ihnen."

O Globo spricht eine archaische Wahrheit aus: Es geht auch im Spiel ums Überleben. Das Spiel hat die Macht, die Wirklichkeit zu bannen ins Schema eines 90-Minuten-Dramas, an das wir uns später erinnern werden wie an eine Katastrophe der Weltgeschichte. Der größte aller Fußballaphoristiker, der Schotte Bill Shankly, fasst es so: "Einige Leute halten Fußball für eine Frage von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich versichere Ihnen, dass er viel, viel wichtiger als das ist."

Je mehr Menschen auf der Erde leben, je mehr "persönliche" Zeit es also zu gestalten gibt, desto dringender scheint sich die Weltgemeinschaft auf ein überlegenes Zeitmaß, ein kollektives Über-Erlebnis einigen zu müssen: auf die 64 x 90 Minuten eines WM-Turniers. Dieser Sport lebt im Rausch einer ungeheuren Verkostbarung. Die Spieler sind Superstars, und in den Stadien gibt es sogenannte Mixed Zones, durch welche sich nach dem Spiel die Helden zum Ausgang bewegen und den bettelnden Journalisten ein paar Zitatbrosamen zuwerfen. Was Spieler sagen, gilt als bedeutsam, und so haben sie es sich angewöhnt, ihre Münder mit den Händen zu beschirmen, wenn sie miteinander sprechen – wie Robert De Niro und Joe Pesci es im Mafia-Film Goodfellas tun: weil sie wissen, dass sie von feindlichen Lippenlesern beobachtet werden. Orte, an denen die Spieler sich dauerhaft aufhalten, werden zu mythischen Orten. Campo Bahia, das Lager der Deutschen am brasilianischen Strand, soll nach der WM ein Luxushotel werden; es wird seine Gäste damit locken, dass sie in Betten schlafen dürfen, in denen Hummels, Neuer und Müller schliefen – als hätte sich dieser Küstenstreifen durch die Anwesenheit der Deutschen in Sagenland verwandelt.