Mindestlohn – ohne Jugendliche, Praktikanten, nachtaktive Zeitungsausträger? Wer diese neue Kapriole der Realpolitik für einen schlechten Witz hält, hat sich auch als Leser für dieses Buch qualifiziert. Ein Leser, der den unbestechlichen Röntgenblick auf die sozialen Verhältnisse schätzt, den die Reporterin Gabriele Goettle so virtuos beherrscht. Goettle, Ben-Witter-Preisträgerin, spröde wie der große Vorgänger, versammelt in diesem Buch ihre Gespräche mit Aktivisten, die sich ein Leben lang an der Rürup-Clement-Hartz-Gesellschaft abgearbeitet haben. Unbelehrbare Weltverbesserer! Es kommen zu Wort nicht die Strubbelköpfe im Castor-Zeltlager, eher "Em. Prof. Dr. rer. nat. Inge Schmitz-Feuerhake", eine Ärztin, die sich in die Frage der Folgen von Niedrigstrahlung hineingewühlt hat. Der Politikwissenschaftler Timo Lange, der grell beleuchtet, wie Lobbyarbeit unser Gesundheitswesen prägt. Dr. Horst Morgan, Ingenieur und Experte für Rentenbetrug, eine "renitente Putzfrau" ist auch dabei. Das große Thema heißt: "Demokratieentleerung". Dieses Buch hält gegen eine "verrohende Bürgerlichkeit", die sich profiliert, indem sie angebliche Looser ausgrenzt.

Gespräche ist vielleicht der falsche Begriff für diese Texte, die in den Jahren 2011 bis 2014 in der Tageszeitung erschienen sind. Es sind eher Protokolle von Gesprächen, besser gesagt, von Monologen. Gegenhakeln ist Goettles Sache nicht. Eher räumt sie ihren Helden einmal die Bühne frei, dreht den Regler hoch für das ganze Weh und Aua in einem von kommerziellen Erwägungen durchsuppten Sozialstaat. Auch ideologiefrei ist dieser Band nicht. Den Sozialrichter Jürgen Borchert, der sich für Familiengerechtigkeit bis nach Karlsruhe vorkämpfte, sucht man vergebens, zu kinderfreundlich vermutlich für das Singlemilieu, das ja gerade im linken Spektrum floriert. Und dennoch. Eine Lektüre, an der man sich gut abarbeiten kann.