In der Nacht, die alles änderte, war Sergio Ortelli das erste Mal seit Monaten früh im Bett. Babbo, du siehst müde aus, hatte sein 13-jähriger Sohn Roberto gesagt, sitz nicht wieder so lange am Computer. Es muss halb zehn gewesen sein, als der Bürgermeister von Giglio einschlief, in seinem Haus in Castello, dem Bergdorf, das alle nur su nennen, oben, weil es auf der Spitze der Insel liegt, einem neun Kilometer langen Granitbrocken vor der toskanischen Küste. Es war Freitag, der 13. Januar 2012.

Den ersten Anruf verschlief er. Beim zweiten Klingeln stand er auf und ging hinüber ins Büro. "Pronto?" Es war der Polizist aus Giglio Porto, der kleinen Hafenstadt, die alle nur giù nennen, unten. "Sergio, komm schnell zum Hafen! Da ist ein großes Schiff, irgendetwas stimmt nicht. Es ist schon ganz nah an den Felsen."

Keine Stunde nachdem Ortelli ins Bett gegangen war, kurvte er mit seinem Wagen durch die milde Winternacht, der Mond war gerade aufgegangen. An der Biegung, an der sich die Sicht zum Hafen öffnet, sah er sie, eine Königin der Meere, majestätisch erleuchtet, lag sie in der ruhigen See. Ortelli sah den großen gelben Schornstein mit dem blauen C und erkannte sie sofort. Schon im Sommer war sie gekommen, um die Insel zu begrüßen, sich vor ihr zu verneigen, wie es unter Kreuzfahrern heißt.

Aber warum, dachte Ortelli, zeigt ihr Bug nach Süden? Da kommt sie doch her, aus Civitavecchia?

Sergio Ortelli wusste nicht, dass der Kapitän zu diesem Zeitpunkt längst die Kontrolle über die Costa Concordia verloren hatte und der Nordostwind das 290 Meter lange Kreuzfahrtschiff gegen den Felsen drückte. Er wusste nichts von dem 70 Meter langen Riss an der Backbordseite, in dem noch ein Stück des Felsens steckte, der das Schiff aufgeschlitzt hatte, nichts von den gefluteten Maschinenräumen, von dem manövrierunfähigen Ruder. Er ahnte nicht, dass sich in dieser Nacht 4197 Menschen auf seine Insel retten sollten. Und 32 es nicht schaffen würden.

"Ich stand da und verstand gar nichts", sagt Ortelli. Sein Büro in Porto Giglio liegt im ersten Stock eines der farbigen Häuser, die sich um das Hafenbecken reihen. Der Raum, in dem er arbeitet, ist kaum größer als der Schreibtisch, an dem er sitzt. An den Wänden hängen Zeichnungen von Segelschiffen, Satellitenfotos, Seekarten.

"Hier standen vier Kinderbetten", sagt Ortelli und zeigt auf den Platz neben seinem Schreibtisch. Man müsse sich das vorstellen: mehr als 4.000 Schiffbrüchige – in einem Ort mit 400 Bewohnern! Die Gigliesen versorgten sie mit Betten, Decken, warmen Getränken, Lehrer öffneten die Schulen, der Pater öffnete die Kirche, der Bürgermeister sein Büro. Ortelli erinnert sich noch, wie verzweifelt einige waren, als sie erfuhren, dass der einzige Weg nach Hause übers Wasser ging: mit der Fähre nach Porto Santo Stefano.

Aus dem Vorzimmer, in dem zwei Sekretärinnen damit beschäftigt sind, Anrufer abzuwimmeln, blickt man aufs Meer. Und Meerblick heißt in Porto Giglio: Costa Concordia- Blick. Da liegt sie, einst das größte Kreuzfahrtschiff Italiens, Ruhmesblatt der Reederei, stolz und weiß wie ein Schwan – jämmerlich verendet. Ein gestrandeter Traum, verbogen und verrostet. Ein gefluteter Sarg. Seit zweieinhalb Jahren sieht Ortelli diesen Anblick jeden Tag. Doch nun, im Juli oder August, soll die Costa Concordia verschwinden. Endlich.

Das Wrack hat die kleine Insel weltbekannt gemacht. Aber zu welchem Preis? Vor der Havarie war Giglio ein Geheimtipp, der sich gerade herumsprach: süßer Wein und wilde Feigen, Pinienwälder und Wanderwege, Badestrände und Tauchgebiete im klarsten Wasser Italiens, Meeresschildkröten, Delfine, Wale. "Heute denken die Leute bei Giglio nur noch an die Costa Concordia."

Ortelli setzt eine rote Lesebrille auf, die nicht recht zur Erscheinung des 58-Jährigen passen will, zu dem bronzefarbenen Teint, den silbernen Haaren, den goldenen Kettchen und Ringen. Mit einem Kugelschreiber kritzelt er Jahreszahlen auf ein Stück Papier.

Bei 2011 macht er einen Strich. "Normale ."

Bei 2012 schreibt er daneben: "–25 %".

Bei 2013: "–13 %".