Jede freie Minute habe er in den ersten Nachkriegsjahren auf dem Sportplatz trainiert und es schon 1947 als 16-Jähriger zum Kreismeister über 1500 Meter gebracht, berichtete Hans-Ulrich Wehler 2006 nicht ohne Stolz im Gespräch mit seinen Schülern Manfred Hettling und Cornelius Torp. Das Leistungsethos blieb eine Konstante seines Lebens, gepaart mit ungestümer Angriffslust und äußerster analytischer Strenge. So wurde der Bielefelder Historiker zum wichtigsten Erneuerer der deutschen Geschichtswissenschaft. Die Frage, die ihn zeitlebens umtrieb, lautete: Warum konnte gerade in Deutschland, das sich für ein zivilisiertes Land hielt, ein Radikalfaschismus in Gestalt des Nationalsozialismus an die Macht kommen und ein ganzes Volk zum Komplizen seiner Verbrechen machen?

Hans-Ulrich Wehler zählte nach eigener Definition zur "Generation 45" – jener Alterskohorte der um 1930 Geborenen, die als Flakhelfer oder HJ-Pimpfe noch der ideologischen Indoktrination durch den Nationalsozialismus ausgesetzt gewesen waren, sich nach Kriegsende aber, gegen alle totalitären Heilslehren immunisiert, emphatisch zu den Werten des Westens bekannten. Die Bereitschaft, die unverhofft gebotene zweite Chance zu ergreifen, verband sich mit der Verpflichtung, sich öffentlich zu engagieren – "die Klappe aufzumachen", wie es Wehler einmal formuliert hat.

Prägend für diese Generation war die Begegnung mit den Vereinigten Staaten. Der angehende Historiker Wehler war einer der Ersten, die 1952 nach dem Abitur mit einem Fulbright-Stipendium für eineinhalb Jahre in die USA reisen und Erfahrungen in praktizierter Demokratie sammeln konnten. Nach seiner Rückkehr studierte er in Bonn, danach in Köln, wo der Historiker Theodor Schieder sofort das enorme Talent des jungen Mannes erkannte und ihn in seinen engeren Schülerkreis zog. Schieder war für Wehler eine Art Vaterersatz – sein leiblicher Vater hatte den Krieg nicht überlebt –, und so versteht man, wie schmerzhaft es ihn treffen musste, als in den neunziger Jahren bekannt wurde, dass auch Schieder an seiner damaligen Wirkungsstätte in Königsberg dem nazistischen Ungeist Tribut gezollt hatte.

Schon während seiner Assistentenzeit in Köln entwickelte Wehler eine erstaunliche Produktivität. Nach der Doktorarbeit Sozialdemokratie und Nationalstaat. Nationalitätenfragen in Deutschland 1840–1914 (1962) gab er mit Jürgen Habermas, seinem Gummersbacher Schulkameraden, und anderen die Neue Wissenschaftliche Bibliothek heraus – jene ins Auge stechende gelbe Paperback-Reihe, die damals in der Handbibliothek keines aufgeweckten Studenten fehlen durfte. Er selbst betreute den Band Moderne Sozialgeschichte (1966), in dem er erstmals das Programm einer Geschichtswissenschaft "jenseits des Historismus" skizzierte.

Sine ira et studio – diese Rankesche Maxime hat sich Wehler nie zu eigen gemacht. In seiner Habilitationsschrift Bismarck und der Imperialismus (1969) stellte er den bis dahin unbestrittenen Primat der Außenpolitik radikal infrage. Die ältere Forschung souverän gegen den Strich bürstend, wies er nach, dass Bismarcks Übergang zur Kolonialpolitik in den 1880er Jahren einem sozialimperialistischen Kalkül entsprungen war – nämlich durch Expansion nach außen von inneren Schwierigkeiten abzulenken und dadurch die autoritäre Machtstruktur des kleindeutsch-großpreußischen Staates zu zementieren.

Dem Buch war als Motto ein Satz aus Karl Marx’ Zur Kritik der politischen Ökonomie von 1859 vorangestellt: "[...] daß aber die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei". Das war eine der kleinen Provokationen, wie Wehler sie liebte. Denn bekanntlich war er kein Verehrer von Marx, auch wenn er gegenüber dessen Theorien nie Berührungsängste gezeigt hat. Sein Säulenheiliger war der große Max Weber. Aus dessen Herrschaftssoziologie bezog er einen Großteil seines theoretischen und begrifflichen Instrumentariums.

Eine kritische Geschichtswissenschaft in aufklärerischer Absicht – die Probe aufs Exempel machte Wehler mit seinem berühmten blauen Bändchen von 1973: Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918. Es war ein genialer Wurf. In der Disparität von ökonomischer Modernität und politisch-gesellschaftlicher Rückständigkeit erkannte der Autor die entscheidende Ursache für Deutschlands Abweichung vom westlichen Entwicklungsmodell. Damit war die These vom "deutschen Sonderweg" als neues Forschungsparadigma eingeführt, und daran sollte sich in der Folgezeit ein produktiver Streit entzünden.

1971 erhielt Wehler einen Ruf an die Bielefelder Reformuniversität. Hier lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1996 – unterbrochen nur durch Gastprofessuren in den USA. Die "Bielefelder Schule", deren herausragender Repräsentant und inspirierender Kopf er war, wurde zum Mekka für begabte junge Historikerinnen und Historiker. Nicht zufällig fiel die Glanzzeit dieser Schule zusammen mit der Aufbruchstimmung unter der sozialliberalen Koalition in den siebziger Jahren. Der Wunsch nach einer Modernisierung der deutschen Geschichtswissenschaft verband sich mit dem Vertrauen in den gesellschaftlichen und politischen Fortschritt. Das Programm einer Geschichte als "historischer Sozialwissenschaft", die im fruchtbaren Austausch mit den Nachbardisziplinen steht, vor allem der Soziologie und Ökonomie, wurde nun ausbuchstabiert.

Im Nachwort zum Kaiserreich-Buch hatte Wehler ein Projekt angekündigt, das noch viel Zeit in Anspruch nehmen werde: einen "Grundriß der deutschen Gesellschaftsgeschichte vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart". Tatsächlich mussten 14 Jahre ins Land gehen, bevor 1987 bei C. H. Beck der erste Band der Deutschen Gesellschaftsgeschichte herauskam, bis 2008 folgten die restlichen vier. Rund 5000 Seiten zählt das Riesenwerk, ein Maß, das alles bislang Bekannte übertraf.

Zu besichtigen ist hier der Ertrag einer außerordentlichen Gelehrsamkeit. So konsequent Wehler an seinem theoretischen Grundgerüst festhielt, so offen zeigte er sich zugleich dafür, eigene Ansichten im Lichte der neueren Forschung zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. So hat er zwar die These vom "deutschen Sonderweg" nicht fallen gelassen, aber er spricht im dritten, die Jahrzehnte von 1848/49 bis 1914 umfassenden Band nur noch von "Sonderbedingungen", weil sich herausgestellt hat, dass es einen "normalen" westlichen Modernisierungspfad zur Demokratie nicht gab.