Das Girl from Ipanema kaut einen Kaugummi, sie riecht nach schwerem, süßem Parfum und spricht mit dem unverwechselbaren Akzent von Rio de Janeiro. Ans Ende ihrer Worte setzt sie scharfe Zischlaute wie eine Meeresbrandung, und jetzt schleppt sie "maisch fotosch" in dicken Ordnern heran, noch mehr Fotos. Als ob es in ihrem Wohnzimmer nicht schon genug davon gäbe! Sie zeigen Heloísa Pinheiro in den Phasen ihres Lebens, als willensstarke Teenagerin am Strand in den sechziger Jahren, bei Auftritten in internationalen Talkshows in den Achtzigern, als vornehme ältere Dame heute. "Das Girl from Ipanema", sagt sie, "das kann auch ein Stigma sein. Manchmal will man etwas Ernsthaftes machen, aber die Leute sehen trotzdem nur ein Mädchen in einem Bikini."

Heloísa Pinheiro ist gerade 69 Jahre alt geworden, und sie hat etwas sehr Ernsthaftes geschafft: Sie hat einen Zufallsmoment in ihrem Leben genutzt und ihn in ein lebenslanges, stattliches Einkommen verwandelt. Der Moment kam 1962, als sie auf dem Heimweg vom Strand im keuschen Zweiteiler und sinnlichen Wiegeschritt an dem Bossa-nova-Superstar Antônio Carlos ("Tom") Jobim vorbeiging und dem mehr als doppelt so alten Bohemien den Kopf verdrehte. Sein verzücktes Lied über das "Mädchen mit dem Körper, den die Sonne Ipanemas vergoldet hat" wurde zum Welthit und zweieinhalb Jahre später ganz offiziell der jungen Frau gewidmet.

Eigentlich war das damals eine Situation, die man schmierig finden kann. Als er ihr das Lied widmete, bat der reife Familienvater Jobim die mittlerweile 19-jährige und bereits anderweitig verlobte Heloísa auf eine Sitzbank am Strand und erklärte ihr seine Liebe. Sie zieht es aber bis heute vor, sich daran als einen verzauberten Moment zu erinnern.

"Ich habe die Inspiration zu einer berühmten Musik gegeben, und damit hat etwas Unsterbliches in mein Leben Einzug gehalten", erzählt sie mit ihrer eindrücklichen, etwas heiseren Stimme und sitzt dabei kerzengerade auf der Couch. Kalt ist es bei ihr zu Hause eigentlich nicht, aber sie trägt eine Lederjacke zu Raubtier-Leggings; ihre Haare, die auf den alten Strandfotos lang und schwarz waren, sind inzwischen hellblond, so lang wie damals und perfekt geföhnt. Wie oft sie die Geschichte mit Tom Jobim eigentlich schon erzählt habe? "Zweihunderttausendmal", erwidert sie und lacht. "Und das ist ganz schön schwierig. Immer wieder erzählt man die gleiche Geschichte, und irgendwann wird man müde davon. Aber man muss sie ja erzählen."

Natürlich: Diese Geschichte ist ihr Geschäft. In den ersten Jahren wehrten ihre Eltern noch den größten Teil des Rummels ab, der die junge Frau verfolgte, die Reportagewünsche der Journalisten, die Anfragen des Tourismussekretärs und die Talentscouts aus dem Showbusiness. Heloísa – kurz Helô – arbeitete drei Jahre lang als Lehrerin, was sie aber hasste, und 1966 heiratete sie einen Ingenieur und Unternehmenserben und wurde überwiegend Hausfrau. Hier und da nahm sie einen Job als Model an, sie trat in Anzeigen für Campari auf, für den Kraftwerksbetreiber ConEdison und die Strumpfhosenfirma NylonTex. "Natürlich kamen durch die Aufregung um das Girl from Ipanema sehr viele Arbeitsangebote", sagt sie.

"Fast 20 Jahre lang war ich die Hauptverdienerin in der Familie"

Doch den entscheidenden Schritt zur Selbstvermarktung tat sie, nachdem die Firma ihres Mannes in den siebziger Jahren keine Gewinne mehr abwarf und schließlich pleiteging. "Mein Mann verlor damals alles, ich hätte ihn fallen lassen können, eine Beziehung mit jemand anders anfangen", sagt sie. "Aber nein. Ich werde kämpfen, ich werde das schaffen, habe ich gesagt. Ich habe dann so viel gearbeitet, dass ich abends halb tot zu Hause ankam."

Genau genommen, hatte Pinheiro über die Jahre einige prominente Affären, über die sie in ihren Memoiren auch offen schreibt. Doch sie blieb bei ihrer Familie mit ihrem Mann, den drei Töchtern und ihrem behinderten Sohn. Und sie baute ihr Geschäft aus. "Fast 20 Jahre lang war ich die Hauptverdienerin in der Familie, und in den achtziger Jahren hatte ich mich eben entschlossen, richtig etwas mit meinem Titel anzufangen", erzählt sie.

Pinheiro beantragte Markenschutz für das "Girl from Ipanema". "Ich eröffnete erst einmal eine Boutique mit diesem Namen ganz hier in der Nähe", sagt sie und deutet mit dem Arm aus dem Fenster ihres Hochhauses. Heloísa Pinheiro wohnt in einer riesigen Betonanlage mit Swimmingpools, Grünflächen und doppelten Sicherheitskontrollen am Eingang, in einem teuren Stadtviertel von São Paulo, wo man wohnen muss, wenn man es in Brasilien wirtschaftlich zu etwas bringen will.

Das ist allerdings sehr ungewöhnlich für eine Botschafterin des Strandes von Ipanema. Rio und São Paulo gelten als Rivalen; dass das Girl from Ipanema jetzt dort drüben wohnt, ist so, als wenn Hans Albers zum Komponieren seiner Seemannslieder an die Isar gezogen wäre. "Ich habe in Rio aber auch noch eine Wohnung", sagt Pinheiro schnell, "da verbringe ich häufig eine Woche mit meiner Familie, dort sind ja meine Wurzeln."