"In die Zwickmühle geratene Engländer versuchten, über das freie Feld zu entkommen und wurden niedergeschossen wie bei einer Treibjagd." Es sind Sätze wie diese, die den umstrittenen Ruhm Ernst Jüngers hervorbrachten. Kühl beschrieb er das Grauen des Krieges, in peinigenden Bildern von überscharfer Genauigkeit und einer Ästhetisierung, die vielen Lesern künstlerisch und politisch suspekt war. Der 25-jährige Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs veröffentlichte sein "Tagebuch eines Stoßtruppführers": In Stahlgewittern ist bis heute sein berühmtestes und berüchtigtstes Werk geblieben. Im vergangenen Jahr erschien Helmut Kiesels historisch-kritische Edition dieses Buches, in der man die Umarbeitungen seit 1920 bis zur Ausgabe letzter Hand von 1978 nachlesen konnte. Ob Anpassung oder entpolitisierte Ästhetisierung: Es sei "das schönste Kriegsbuch, das ich je las", befand der Franzose André Gide.

Pünktlich zum Jubiläumslärm des Kriegsausbruchs 1914 liegt jetzt das Werk erstmals als Hörbuch vor, zwölf Stunden aus dem Ersten Weltkrieg in der Fassung von 1978. Eingelesen hat es Tom Schilling: Der Schauspieler wurde 2012 populär mit seiner Hauptrolle im Film Oh Boy, sodann mit der Figur des Friedhelm im Fernsehmehrteiler Unsere Mütter, unsere Väter, der sich während des Zweiten Weltkriegs als deutscher Soldat von einem Intellektuellen in einen Krieger verwandelt, der im Kampf den Tod sucht und auch findet. Während der Dreharbeiten hat Schilling übrigens zur Einstimmung Jünger gelesen. Diese Stahlgewitter-Besetzung könnte also als Marketingtrick erscheinen: junger Krieger liest jungen Krieger. Und tatsächlich ist es ja von einer besonderen Ironie, dass Tom Schilling 1982 geboren wurde, ausgerechnet in dem Jahr, in dem Ernst Jünger in Frankfurt seine Goethepreis-Rede hielt, die wir auf einem Bonus-Track hier hören können.

Aber Schilling besteht diesen Einsatz vor dem Mikro ganz ausgezeichnet. Denn sein Lesen ist genau, ein bisschen nasal, ganz kühl und herabgedimmt, mit einer leichten Mattigkeit im Ton, die eine beobachtende Distanz zum Grauen zeigt, eine leicht übernächtigte jungenhafte Stimme, der man eine Zigarette im Mundwinkel anzuhören meint, mitten im Schützengraben. Es ist also der Frontalltag des Soldaten, farbig protokolliert: die Langeweile ebenso wie das Grauen, das furchtbare Geschäft des Tötens, das zur Normalität wird. Und wir sind mittendrin in der Todeszone, ausgeliefert den Granaten und dem Gewehrfeuer, Tag und Nacht, gleichförmig, und doch in einer existenziell aufgeladenen Situation: Denn die Sinnlosigkeit des Sterbens kann Schilling vorführen, aber eben auch die seltsame, perverse Lust an dieser Schlachtorgie, die wie ein gigantischer Malstrom alles verschlingt. Es gehört zu den Verdiensten dieses Hörbuchs, dass wir den Krieg als mörderisches Drama junger Männer hören, das in den Büchern oft ganz automatisch zur Geschichte reiferer Militärs und politischer Akteure verkürzt wird. Das seltsame, so schwer vorstellbare Grauen des Krieges kommt uns durch Schilling urplötzlich beunruhigend nahe – Ernst Jünger würde es gefallen haben.