Chinas Apokalypse – Seite 1

Dieses Buch führt uns in die Finsternis, auf die dunkle Seite der Erde, an die Abgründe des menschlichen Seins. Es mutet uns schreckliche Zahlen zu, furchtbare Geschehnisse und aberwitzige politische Entscheidungen. Am Ende stehen Hekatomben von Toten. Eigentlich ist dieses Buch nicht auszuhalten.

Und doch muss man es lesen. Der erste Satz auf der ersten Seite lautet: "Zwischen 1958 und 1962 verwandelte sich China in eine Hölle auf Erden." Diese Hölle schildert das Buch. In allen Einzelheiten. Frank Dikötter, der an der Universität Hongkong lehrende holländische Sinologe, ist nicht genug zu rühmen für dieses Werk.

Er ist hinabgestiegen in die Parteiarchive der chinesischen Provinzen, die sich allmählich auch westlichen Forschern öffnen. Er hat nach dem Preis gefragt, den China für den "Großen Sprung nach vorn" gezahlt hat, jenes wahnsinnige Industrialisierungsprojekt, mit dem Mao Zedong das Agrarland in die Riege der modernen Industrienationen katapultieren wollte. Dieser Preis war hoch, unfassbar hoch: Unterdrückung, Gewalt, Terror, Hunger, Krankheit, moralische Verwahrlosung, Kannibalismus. "Am Ende hatten die Menschen nur noch Baumrinde und Schlamm zu essen." 45 Millionen Menschen, schätzt Dikötter, starben in dieser größten Hungersnot der chinesischen Geschichte.

Wie kam es dazu? Ende der fünfziger Jahre, knapp zehn Jahre nach Gründung der Volksrepublik wollte der Vorsitzende Mao das Feuer der Revolution in seinem Land neu anfachen. "Der Ostwind ist stärker als der Westwind", proklamierte er, beeindruckt davon, dass es der Sowjetunion gelungen war, einen Sputnik ins All zu schießen. Der Sozialismus werde seine Überlegenheit über den Kapitalismus beweisen, glaubte Mao und kündigte an, China werde in fünfzehn Jahren Großbritannien überflügeln.

Mao forcierte die Kollektivierung der Landwirtschaft. Das Land der Bauern wurde zu riesigen Volkskommunen zusammengefasst, alles wurde vergemeinschaftet: Grund und Boden, das Vieh, das landwirtschaftliche Gerät, selbst das Essgeschirr. Die Familien aßen nun in Volksküchen, die Kinder wurden in Krippen gesteckt. Die Bauern wehrten sich. Millionen Schweine, Hühner, Gänse wanderten in die Kochtöpfe. Tiere, die wir gegessen haben, sagten sich die Bauern, kann uns der Staat nicht mehr wegnehmen.

Aber die Landwirtschaft war nur der Beginn. China, so wollten es Mao und die Kommunistische Partei, sollte in Windeseile Industriemacht werden. Industrie, das hieß Stahl. Überall im Land wurden primitive Hochöfen gemauert, die Menschen mussten abliefern, was sich nur irgendwie einschmelzen ließ: Töpfe, Pfannen, Werkzeug, ja selbst Türklinken und Fensterrahmen. Damit die Feuer der Hochöfen loderten, brauchte es Holz. Als die Bäume gefällt waren, kamen die Holzdielen aus den Häusern in die Flammen, die Möbel, die Türen und die Dachbalken.

Unablässig wurden die Menschen in immer neue "Produktionsschlachten" getrieben, auf den Feldern, in den Fabriken, beim Bau von Dämmen und Bewässerungsanlagen. Die Kampagnen zehrten sie aus. Die ersten Anzeichen einer Hungersnot waren zu Jahresbeginn 1958 nicht mehr zu übersehen. Aber die Partei ignorierte sie. Wer warnte, wurde kaltgestellt, wie der unbeugsame Verteidigungsminister Peng Dehuai. Dann begann das Massensterben.

China erlebte die Apokalypse

Die Menschen verkauften ihre Kleidung bis auf das Hemd und die Hose, die sie am Leibe trugen. "Das letzte, was sie vor dem Hungertod verkauften, waren ihre Kinder." Jeglicher soziale Zusammenhalt zerbrach. "Wer nicht stehlen konnte, starb. Wer es schaffte, ein wenig Essen zu stehlen, starb nicht", zitiert Dikötter einen Bauern. Eltern setzten ihre Kinder aus, Alte wurden misshandelt, Frauen wurden genötigt und vergewaltigt. Fast atemlos protokolliert Dikötter den Niedergang des riesigen Landes, Dorf um Dorf, Kreis um Kreis, Provinz um Provinz. Wie ein Buchhalter des Grauens trägt er Zahlen aus den Archiven zusammen, hinter denen entsetzliche Einzelschicksale stehen.

Allein in den Arbeits- und Erziehungslagern starben nach Dikötters Schätzung rund drei Millionen Menschen. Die Militarisierung der Gesellschaft durch eine brutalisierte Partei, die nach Jahrzehnten des Krieges und des Bürgerkrieges an die Macht gekommen war, ist für Dikötter die wichtigste Erklärung für die maßlose Gewalt, die das ganze Land erfasste. "Alle Instanzen, die der Gewalt Grenzen setzen konnten – Religion, Gesetz, Gemeinde, Familie –, waren weggefegt worden."

China erlebte die Apokalypse. "Eine unnatürliche, beklemmende Stille legte sich über das Land, als sich der Hunger ausbreitete. Die wenigen Schweine, die nicht beschlagnahmt wurden, waren verhungert oder an Krankheiten gestorben. Die letzten Hühner und Enten waren geschlachtet worden. Es gab keine Vögel mehr in den Bäumen. Blätter und Rinde waren von verhungernden Menschen gegessen worden, und die kahlen Gerippe der Bäume ragten in einen leeren Himmel. Viele Menschen waren derart ausgezehrt vom Hunger, dass sie nicht mehr sprechen konnten. [... ] Und einige Menschen aßen Menschenfleisch."

Im Januar 1962 versammelten sich 7.000 Parteifunktionäre in Pekings Großer Halle des Volkes. Allen stand das Scheitern ihres Gesellschaftsexperiments vor Augen. Der "Große Sprung nach vorn" wurde abgebrochen. Staatschef Liu Shaoqi klagte die eigene Führung an. Aber Mao wollte von Schuld nichts wissen. Vier Jahre später rief er die Große Proletarische Kulturrevolution aus. Und der nächste Sturm raste über China.