Nach dem Interview steigt die Schauspielerin die Treppen zum Nationaldenkmal im Kreuzberger Viktoriapark hinauf, als hinter den Bäumen, unterbrochen von Kieksern, Kreischen und aufgeregtem Gelächter, der Vorname gerufen wird, der Jella Haase noch viele Jahre lang verfolgen wird und mit dem ganz Deutschland eine der charmantesten und lustigsten Rollen des jüngeren deutschen Kinos verbindet: "Chantal! Chantaaaal! Bleib stehen!"

Jella Haase alias Chantal Ackermann aus dem Film Fack Ju Göhte bleibt stehen, entschuldigt sich und erklärt mit einem sagenhaft abgeklärten, interessanterweise null genervten Lächeln: "Da kommen sie wieder, meine kleinen Freunde." Und in Sekundenschnelle hat sich um die kleine Schauspielerin ein Kreis sehr kleiner und junger Mädchen gebildet, elf und zwölf Jahre alt. Sie stehen da und staunen ihre Chantal mit hängenden Armen und offenen Mündern an – das muss man, als Bestaunte, auch erst mal aushalten. Und nun kann man Jella Haase, selbst erst 21 Jahre alt und vor sechs Monaten kaum bekannt, auf ihre Fans zugehen sehen. Sie unterschreibt auf Händen und Schultaschen, sie posiert für Handyfotos.

Haben denn alle Fack Ju Göhte gesehen? Ja, alle, bis zu sieben Mal. Ein Mädchen tritt hervor und stellt der Schauspielerin eine Frage, wie sie nur sehr junge Kinozuschauer stellen: Was ist das bitte für ein Schleim, der Elyas M’Barek alias Herr Müller vor der Tafel auf den Kopf fällt? Das weiß Jella Haase jetzt gerade auch nicht – einen Moment, sie schreibt der Fack-Ju-Göhte-WhatsApp-Gruppe, der die Schauspielerkollegen Elyas M’Barek, Karoline Herfurth und Katja Riemann angehören, eine Nachricht und verspricht, baldmöglichst Bescheid zu geben. Das macht sie schon sehr gut, wie sie jedem der aufgeregten Kinder einen kleinen Moment mit sich schenkt. Hier spricht keine Schauspielerin mit ihrem Publikum, hier kümmert sich ein Popstar um seine Fans.

Sie sieht aus wie eine Mischung aus Volksbühne, Punk und Hip-Hop

12 Uhr mittags: Treffen an den Tischen, die vor dem Café Vereinszimmer am Kreuzberger Viktoriapark auf der Straße stehen. Sie kommt auf die Minute pünktlich. Sie ist sehr klein und hat dieses sehr hübsche Gesicht. Die auffällig schwarz getuschten Wimpern der Jella Haase. Jetzt muss man sie – Entschuldigung, so ist das mit Kinostars, die Millionen deutscher Teenager ins Kino treiben – noch einmal sehr genau angucken dürfen: Jella Haase ist wie ein Kreuzberger Homegirl gekleidet, so eine Mischung aus Berliner Volksbühne, Punk und Hip-Hop (beige Kostümjacke, rosa Oberteil, schwarze Theaterhose, adidas-Basketballschuhe). Auf einem ihrer vielen Silberringe steht "Bitch", auf ihrer rechten Hand ist mit Kugelschreiber "Kleid" gekritzelt ("Ach so, das soll mich an ein Kleid erinnern, das ich gestern am Flughafen in Madrid einem Freund in die Tasche gestopft habe").

Jella Haase erklärt, ganz professionelle Prominente, dass sie mit dem Designer Kilian Kerner zusammenarbeite, ihre Hose sei vom Designer Michael Sontag. Und mitten im hübschen Kennenlernen-Geplauder hält sie plötzlich inne und wirft einen langen, ernsten, sagenhaft abgeklärten Blick. Du liebes bisschen – das Lange-Blicke-Werfen kann sie gut. Da ist etwas von der jungen Katharina Thalbach in Jella Haases Gesicht. Ohne ein Wort zu sagen, fragen die Augen der Jella Haase jetzt: Entschuldigung, ey, aber wollen wir hier nur über Äußerlichkeiten reden?

Jella Haase als Chantal, das ist die Prolltussi, der Bunny, die Berliner Göre, die deutsche Britney Spears, das Teenager-Monster mit dem rosa Lipgloss, hellblauen Lidschatten und den riesigen Silberkreolen in den Ohren: Sieben Millionen Zuschauer haben Fack Ju Göhte gesehen, beim Deutschen Filmpreis war Jella Haase neben Katja Riemann als beste Nebendarstellerin nominiert. Der Spruch "Heul leise, Chantal" fand Eingang in den Schatz deutscher geflügelter Wörter. Gerade weil die Sprache der Chantal ("Voll süß", "Geisterkranker", "Sie sind ja voll geboarderlinert, Herr Müller") so gekonnt aus der Wirklichkeit importiert wurde, gehört das Chantal-Sprüche-Nachmachen heute zum sichersten Gag und populärsten Zeitvertreib auf deutschen Schulhöfen.

Es ist ganz dumm und unverzeihlich, eine Schauspielerin mit ihrer populärsten Rolle zu verwechseln – und wie sie da mit einem angezogenen Knie sitzt, Kaffee trinkt und sich die erste Zigarette anzündet, passiert dem Reporter genau das. In der Chantalschen Sprachmelodie dehnen sich die letzten Silben eines Wortes, die Sätze biegen sich zum Ende nach oben, als würde sie eine Frage stellen. Sie nickt zur Bekräftigung, wenn sie einen Satz fertig hat – das kommt auch schon wieder so Chantal-mäßig. Ist Jellas gesungenes "voll witzig" nicht auch schon wieder ein Chantal-Zitat? Ist das "Danke schön", das sie da flötet, nicht auch schon wieder ein Chantal-Klassiker?

Tapfere Schauspielerin. Das hat sie schon öfter erklären müssen, dass ihre Chantal nicht deshalb so überzeugend wirkt, weil sie selber wie Chantal ist, sondern weil sie diese Rolle – schau an – so überzeugend interpretiert. Diese Chantal, erklärt Jella Haase, sei viel größer als jede geschriebene Rolle, sie sei deutscher Alltag, das echte Leben, sie stehe auf jedem deutschen Schulhof und in jeder Berliner U-Bahn-Station herum: "Man hört sie überall quatschen. Chantals gehören dazu, sie sind cool."