Die Stunde nach dem Triumph im Halbfinale der Weltmeisterschaft gegen den Gastgeber Brasilien gehört Manuel Neuer. Eine Stunde völlig aus sich herauszugehen, das ist Genuss pur, die größte Belohnung für ihn! Kein Gedanke zurück, kein Gedanke nach vorn zum nächsten Spiel, einfach abschalten und mit den anderen Spielern den Moment genießen. Das hat sich der deutsche Nationaltorhüter verdient.

Wenn er danach in den Mannschaftsbus steigt, der ihn zum Flughafen bringt, taucht er wieder ein in seine Welt, fangen die Gedanken erneut an zu kreisen. Auf dem Weg zurück ins Camp der deutschen Mannschaft in Porto Seguro "fängt meine innerliche Vorbereitung an", sagt Manuel Neuer. Dann denkt er darüber nach, wie der Gegner im Finale ticken könnte. Worauf muss ich mich besonders konzentrieren?, fragt er sich. Wie flanken die gegnerischen Spieler? Wie schießen sie Ecken, Freistöße? Kommt es zum Elfmeterschießen – mit welchen Schützen muss ich rechnen? Die Euphorie weicht, und Deutschlands herausragender Spieler dieser Weltmeisterschaft ist wieder mit sich allein.

Manuel Neuer ist 28 Jahre alt. Er ist zum Welttorhüter gewählt worden, auch den Titel Europas Torwart des Jahres hat man ihm verliehen. Neuer spielt beim deutschen Meister FC Bayern München, er hat im vergangenen Jahr die Champions League gewonnen. Der Gewinn des Weltmeistertitels am Sonntag in Rio de Janeiro wäre die Krönung einer außergewöhnlichen Karriere. Wenn es eine Mannschaft schaffen kann, dann die, bei der dieser Manuel Neuer im Tor steht. Das sagen alle.

Manuel Neuer geht auf dem Platz Wege, die Torhüter vor ihm nicht kannten. Wenn es notwendig wird, deckt der Schlussmann allein jenes Drittel der eigenen Hälfte ab, in dem sonst die gesamte deutsche Abwehr steht. Oder er ist derjenige, der das Spiel schnell macht, mit hohen Abstößen oder mächtigen Abwürfen Konter einleitet. Im Achtelfinale gegen Algerien spurtete Neuer über den Platz und entschied Zweikämpfe für sich wie ein Verteidiger, 30 Meter von seinem Tor entfernt. Sensible Gemüter halten in solchen Momenten Neuerscher Abwehrarbeit verschreckt die Luft an, andere nennen ihn "den besten Libero seit den Zeiten von Franz Beckenbauer".

Neuer deckt das Fehlverhalten in der deutschen Defensive einfach zu

Der DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke bezeichnet ihn als den "komplettesten Tormann der Welt". Während Fußball-Deutschland noch die Frage diskutiert, welcher Abwehrspieler die größten Schwächen hat, kommt Manuel Neuer von hinten und deckt das Fehlverhalten in der deutschen Defensive einfach zu. Das Unternehmen, das mit Neuer Werbung macht, kann sein Glück kaum fassen; es schmückt sich dieser Tage mit einem Foto des Torwarts, unter dem die Zeile steht: "Stärkt die Abwehrkräfte – Manu, der Libero".

Und was sagt Neuer selbst zu all den großen und kleinen Fußballwundern, die er vollbringt?

Nicht viel. Offenkundig bester Laune, betritt der hühnenhafte Schlacks mit den kurzen blonden Haaren die Bühnen der großen Pressekonferenzen. Von Anspannung keine Spur. Was er von Rio erwarte, wurde er bei so einer Gelegenheit gefragt? Er freue sich darauf, antwortete Neuer, "vom Flugzeug aus die Copacabana zu sehen und das Meer".

"Es ist ein Automatismus."

Manchmal hat es den Anschein, als könne Neuer selbst nicht erklären, was ihn im Tor so besonders macht. Einen guten Keeper, heißt es, erkennt man daran, dass er im Ernstfall lange stehen bleibt, nicht auf die Knie fällt. Neuer bleibt im Getümmel lange oben. Aber das ist nicht alles. Als in den letzten Minuten des Spiels gegen Frankreich Karim Benzema einen Ball auf das deutsche Tor drischt, hebt Neuer zur Abwehr des Geschosses nur kurz die rechte Hand. Wie zu einem Gruß. Das reicht. Kein Tor. Wie auch? Benzemas Gesicht zeigt eine Fassungslosigkeit, als frage er sich, ob er nach so einem Moment je wieder Fußball werde spielen können. Manuel Neuer sagt einfach: "Ja gut, den muss ich halten."

Wann läuft ein Torwart raus, wann bleibt er besser auf der Linie stehen? "Ein guter Torwart denkt nicht groß, er antizipiert die Situation. Er ist da, wo der Ball ist, und nimmt ihn sich. Es ist ein Automatismus." Eine große Klappe haben andere. Wer wie Manuel Neuer in Gelsenkirchen geboren wurde, der schwallert nicht, der schwätzt nicht rum. Ein gutbürgerliches Elternhaus, der Vater ist Polizist, unter anderem zuständig für die Bewachung des Schalker Stadions. Als sein Sohn Manuel fünf Jahre alt ist, nimmt er ihn mit zu einem Bambini-Turnier. Dort wird gerade ein Torwart gesucht. Und weil im Fußball der Neue der Doofe ist, muss der kleine Manuel zwischen die Pfosten. Dabei ist es geblieben.