Manchmal muss man sich fragen, ob die Verhältnisse in Erfurt nicht eine Nummer zu klein sind für Bodo Ramelow. Wie neulich. Ramelow, Spitzenkandidat der Thüringer Linken und womöglich bald erster Ministerpräsident seiner Partei, ließ Fotos verbreiten, die andeuten sollten, dass er dem Amt mehr als gewachsen wäre. Auf den Bildern war die Erfurter Staatskanzlei zu sehen, Ramelow stand daneben. Das hochherrschaftliche Gebäude reichte ihm nur bis zur Hüfte.

Die Aufnahme, erläuterte Ramelow später, stamme aus dem "mini-a-thür"-Park in Ruhla, die Staatskanzlei neben ihm war nur ein Modell, 1 : 25. Aber das Gute an Späßen ist, dass sie oft manche Wahrheit enthalten. Denn Ramelow ist in Thüringen zu einem Riesen geworden. Zum Riesen im Vergleich zu Christine Lieberknecht (CDU), der eher glücklosen Regierungschefin. Zum Riesen vor allem aber auch aus Sicht der SPD. So gut wie uneinholbar liegt die Linke in Umfragen vor den Sozialdemokraten, je nach Institut werden ihr für die Landtagswahl am 14. September zwischen 25 und 28 Prozent vorausgesagt, der SPD kaum mehr als 19.

Das naturgemäß schwierige Verhältnis zwischen SPD und Linken könnte nicht komplizierter sein als in Thüringen. Nun, da der Wahlkampf anzieht, stecken die Sozialdemokraten hier in einem Dilemma. Nichts wollen sie weniger, als ihre derzeitige Chaos-Koalition mit einer ramponierten CDU fortzusetzen – das wäre, nach all den Pannen und Skandalen der vergangenen Legislatur, geradezu masochistisch. Andererseits: Möchte die SPD wirklich Ramelow zum Premier wählen? Soll ausgerechnet sie, die Sozialdemokratische Partei, der Ex-PDS zum endgültigen Durchbruch verhelfen?

Es war durchaus eine Überraschung gewesen, als SPD-Landeschef Christoph Matschie ein rot-rotes Bündnis unter Führung der Linken vor einigen Monaten überhaupt zur realistischen Option erklärte. Jetzt aber dämmert dem einen oder anderen SPD-Genossen, was das wirklich, ganz praktisch, bedeutet. Gerade erst haben mehrere Mitglieder in einem offenen Brief vor einer rot-roten Koalition in Erfurt gewarnt: Diese "würde die gesamte SPD mittel- und langfristig in ihren Grundfesten erschüttern", schrieben sie.

2014 ist das Jahr der Landtagswahlen Ost, und nicht nur in Thüringen, sondern auch in Brandenburg, wo die Wahl ebenfalls am 14. September stattfindet, und in Sachsen, wo bereits am 31. August gewählt wird, rückt das Verhältnis zwischen Linken und SPD in den Fokus. Die Linke, allen voran Ramelow selbst, fängt an, die SPD zu umklammern, zu vereinnahmen, mit Liebe geradezu zu überschütten. Die SPD hingegen hat eine Art politischer Schüttelfrost befallen – es sieht so aus, als würde den Sozialdemokraten heiß und kalt zugleich beim Gedanken an den Spätsommer. Als wollten sie sich die Sache mit der Links-Koalition auf den letzten Metern womöglich noch anders überlegen.

Das Thema beschäftigt inzwischen die Parteispitzen auf Bundesebene. Neulich gab es ein Treffen zwischen SPD-Chef Sigmar Gabriel und den Linken-Chefs Bernd Riexinger und Katja Kipping; das Thema: mögliche rot-rote Kooperationen. Der Termin sei eher unerfreulich verlaufen, heißt es, Gabriel habe sich wie in einer anderen Welt gefühlt – vor allem zwischen ihm und Kipping habe es "kulturell nicht gestimmt", ist zu hören. Immerhin soll Gabriel den Linken aber zugesichert haben, dass die Landesverbände der SPD autonom entscheiden dürften, ob sie eine rot-rote Regierung am Ende mittragen wollen oder nicht. Auch in Thüringen. Gabriel ist viel daran gelegen, neue Machtoptionen anzutesten. Deshalb dürfte auch er einen Versuch wie den in Erfurt spannend finden.

Vor allem Heike Taubert also ist die Frau, die am Ende entscheiden muss. Die 55-Jährige ist Sozialministerin und SPD-Spitzenkandidatin in Thüringen, sie sagt: Sie wolle Ministerpräsidentin werden. Aber sie sagt es immer leiser, und öffentlich sagt sie es jetzt fast gar nicht mehr. Sie weiß, dass sie nach der Wahl eher diejenige sein wird, von der es abhängt, ob Christine Lieberknecht im Amt bleibt oder Bodo Ramelow ins Amt kommt. Sie ist die Königsmacherin. "Mir fällt auf", sagt Taubert, "dass die Linke, je näher die Wahl rückt, umso herzlicher versucht, die SPD zu umgarnen. Und ich habe durchaus ein Bedürfnis, umso deutlicher zu machen, was uns von den Linken unterscheidet." Distanziert sie sich mehr von den Linken als noch vor wenigen Wochen? "Wir sind ohne Vorbedingungen zu Sondierungsgesprächen mit allen demokratischen Parteien bereit, daran hat sich nichts geändert", sagt Taubert. "Allerdings befinden wir uns inzwischen im Wahlkampf. Und da werben wir für uns." Rot-Rot in Thüringen hätte "Signalwirkung, auch für den Bund", so Taubert. "Aber es ist nicht so, dass wir das ausdrücklich anstreben."

Doch, da ist Skepsis. Dass diese Skepsis der Ost-SPD den Linken gegenüber, nach einer langen Phase der Annäherung, wieder wächst, hat drei Gründe. Erstens, eher banal: die Angst vor der CDU. Auch wenn in Sachsen Rot-Rot rechnerisch nicht machbar sein wird, auch wenn eine rot-rote Regierung in Brandenburg gelebte Praxis ist: Die CDU, das wissen die SPD-Landesverbände Ost, wetzt in Erfurt und Dresden bereits die Messer für eine Kampagne, die – ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall – vor der linken Gefahr warnen soll. Allzu leichte Opfer wollen die Sozialdemokraten da nicht werden.