Niemand weiß derzeit genau, wie lange der 66-jährige Gregor Gysi noch Fraktionsvorsitzender und damit Oppositionsführer im Bundestag bleiben wird. Sicher ist nur, dass seine Zeit als informelle Nummer eins zu Ende geht und sich demnächst entscheiden wird, wer dann das Macht- und Charisma-Vakuum füllen soll. Die beiden Parteivorsitzenden scheiden aus. Der jungen Dresdnerin Katja Kipping fehlt die innerparteiliche Unterstützung, dem ehemaligen Gewerkschafter Bernd Riexinger der nötige Esprit. Der Reformer Dietmar Bartsch, wie Wagenknecht ebenfalls Vize-Vorsitzender der Fraktion, genießt nicht annähernd die Aufmerksamkeit, die man ihr schenkt.

Sahra Wagenknecht ist ein Star, ihre Strahlkraft reicht weit in die bürgerlichen Kreise. Die Feuilletons konservativer Zeitungen feiern ihre Belesenheit, selbst die Wirtschaftszeitung Handelsblatt berichtete in einer achtseitigen Titelgeschichte über sie. Nicht einmal die Gala schreckt vor dieser Kommunistin zurück, die Illustrierte veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Fotostrecke, für die Wagenknecht zurechtgemacht war wie die berühmte mexikanische Malerin Frida Kahlo. Der Playboy zeigte zwar keine Bilder von ihr, platzierte sie aber auf Platz zwei einer Rangliste der begehrenswertesten Politikerinnen.

Wenigen Politikern sind bisher so viele Kehrtwenden vor den Augen des Publikums gelungen wie ihr. In den neunziger Jahren verteidigte sie als junge Kommunistin noch das DDR-Idol Walter Ulbricht, den Mann, der die Mauer errichten ließ. Wer sie anrief und an ihren Anrufbeantworter geriet, hörte Auferstanden aus Ruinen, die DDR-Nationalhymne. Wagenknecht war damals die bekannteste Figur der "Kommunistischen Plattform", Gregor Gysi drohte seinerzeit, aus allen Parteigremien auszutreten, falls diese "Njet-Maschine" in den Vorstand aufgenommen werde. Damals hätten sich sogar Fahrgäste in der S-Bahn demonstrativ auf einen anderen Platz gesetzt, wenn sie gekommen sei, erzählt sie. "Die dachten, ich wollte Deutschland mit Gulags überziehen."

Spätestens seit der Finanzmarktkrise aber ist vieles mehrheitsfähig, was Wagenknecht denkt. Wenn sie in Talkshows hohe Managergehälter geißelt, klatschen auch CDU-Wähler, wenn sie Mindestlöhne oder Gesetze gegen Leiharbeit fordert, nicken sie. Dass sie sich mit Volkswirtschaft auskennt, imponiert vielen. Sie darf inzwischen sogar den christdemokratischen Wirtschaftswunder-Kanzler Ludwig Erhard als Idol preisen, ohne dass ihr das als die Ansicht eines Wendehalses ausgelegt wird. Nur in ihrer eigenen Partei staunen viele über ihre Volten. Gerade die Einflussreichen rätseln, was Wagenknecht will. Man kenne sich halt nicht besonders gut, sagen selbst einige, die seit Jahren mit ihr in der Partei oder in der Fraktion zusammenarbeiten. Aber solange Wagenknechts Wandlungen der Partei nützen, werden sie nicht offen kritisiert.

Kein anderer deutscher Politiker wird so oft in Talkshows eingeladen wie sie. So prägt Wagenknecht auch ohne Spitzenamt das öffentliche Bild ihrer Partei. Wie Emily, die geflügelte Dame auf dem Kühler des Rolls-Royce, verleiht sie der Linken ein interessantes Äußeres, ohne auf Kurs oder Tempo Einfluss zu nehmen. Vermutlich ist sie sogar gerade deshalb so beliebt.

"Heute hab ich zum ersten Mal einen Gast, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird", sagt der Fernsehmoderator Erwin Pelzig fröhlich, als er Wagenknecht in seiner Sendung begrüßt. Es klingt, als stelle er eine Person mit besonders interessantem Hobby vor. "Ich hab schon überlegt, ob wir Plätze freihalten sollen für die Herren", frotzelt er.

Gerade weil bislang keine Konsequenzen drohen, kann das Publikum staunen über Wagenknecht und ihre Erzählungen von ihrer ungewöhnlichen Vergangenheit: Kindheit bei den Großeltern in Jena, weil der Vater, ein Iraner, aus Deutschland verschwand, als die Tochter gerade laufen konnte. Die Mutter lebte in Berlin. Noch als Schulkind brachte Wagenknecht sich selbst die persische Sprache Farsi bei, als Zehnjährige las sie den Philosophen Spinoza, allerdings ohne viel zu verstehen.

Weil sie nicht studieren durfte und sich in einem Sekretärinnen-Job langweilte, wurde sie zur Einsiedlerin. In einer kleinen Zweizimmerwohnung im Ostberliner Stadtteil Karlshorst, in der sie während der Sitzungswochen bis heute lebt, las sie die Klassiker der Weltliteratur, vertiefte sich in Marx, Kant und Hegel. Tagelang sprach sie mit niemandem. In die Staatspartei SED trat Wagenknecht erst ein, als die DDR unterging.

Mittlerweile kann man ihr dabei zusehen, wie sie ihre innerparteiliche Macht ausbaut. Vor den Augen der staunenden Fraktion schloss sie ein Bündnis mit Bartsch, den noch mit Oskar Lafontaine eine offene Feindschaft verband. Auch um die Abgeordneten bemüht sie sich mehr als früher. Als sie vor zwei Wochen zum Sommerfest der Bundestagsfraktion erschien und ein paar Stunden blieb, sagten die Kollegen hinterher, die Sahra sei diesmal "im Rahmen ihrer Möglichkeiten" sehr gesellig gewesen.

Vor allem aber verschafft sie sich Rückhalt an der Basis. Die offiziellen Gremiensitzungen hat sie oft geschwänzt, das Amt der stellvertretenden Parteivorsitzenden wollte sie Anfang des Jahres nicht mehr. Aber sie zieht durchs Land, und sie verschafft ihrer Partei volle Säle wie sonst nur Gregor Gysi. Im Europawahlkampf strömten Hunderte zu ihren Veranstaltungen.

Sie zwingt sich, wie in Siegen, auf Menschen zuzugehen, auch wenn es schwerfällt. Als sie im Saarland ausnahmsweise gemeinsam mit Lafontaine auftritt, ist sie auf der Bühne klar die Nummer eins – sie redet zuerst, sie redet länger, viele Passanten bleiben ihretwegen stehen. Nach der Kundgebung jedoch dirigiert Lafontaine sie stolz durch die Menge und entscheidet, wann Passanten sie fotografieren dürfen.

Sven Giegold, grüner Europapolitiker und Gründer der Nichtregierungsorganisation Attac, hat Wagenknecht immer wieder bei Veranstaltungen erlebt und findet sie schwer erträglich. Dabei bezeichnet er sich selbst als Linken, vielen aus Wagenknechts Partei fühlt er sich verbunden. "Bei ihr sind immer die anderen schuld, die bösen Banken, die Regierung, die Märkte, und sie schlägt sich auf die Seite der unbescholtenen Bürger", sagt er. Er hält sie für eine Populistin, die ihrem Publikum gern genau das sagt, was es hören will.

Das stimmt. "Wir wollen das Land aus der Opposition heraus verändern", rief Wagenknecht auf dem Parteitag in Siegen den Delegierten zu. In Nordrhein-Westfalen verschwand die Linke aus dem Landtag, nachdem sie die Minderheitenregierung von Hannelore Kraft gestützt hatte. Niemand schätzt hier Werbung für Koalitionen, im Gegenteil. "Wir werden irgendwann regieren", rief Wagenknecht, "aber einen Partner dafür finden wir nicht durch Bücklinge."