Der Abzug der prorussischen Rebellen aus der ostukrainischen Stadt Slowjansk muss einer Flucht gleichgekommen sein. Monatelang hatten sie die Stadt mit etwa 120. 000 Einwohnern in ihrer Hand, nun, da der ukrainische Präsident die einseitige Waffenruhe beendete und seine Truppen schickte, ließen sie am vergangenen Wochenende lasterweise Waffen zurück. Laut ukrainischen Angaben waren darunter mehr als 100 Kisten Schussmunition, Panzerabwehrwaffen, Raketenwerfer, Luftabwehrraketen, Panzer- und Personenabwehrminen. "Sie hatten genug Waffen, um noch zehn Jahre lang Krieg zu führen", sagt der ukrainische Sprecher des "Anti-Terror-Einsatzes". Und dass diese Waffen von der russischen Armee stammten, teilweise noch fabrikneu – ihre Herkunft sei anhand der Etikettierung eindeutig zurückzuverfolgen, sagt der Sprecher.

Doch offenbar reichte die Hilfe aus Moskau nicht aus. Immer wieder baten Männer wie der russische Geheimdienstler Igor Girkin, Deckname "Strelkow", Russland um Hilfe. Strelkow leitete die militärische Operation der Separatisten in Slowjansk. Ohne Unterstützung aus Moskau könne man nicht durchhalten.

Doch die erhoffte Hilfe blieb bisher aus. Nach dem Rückzug aus Slowjansk verloren die prorussischen Separatisten die Kontrolle über weitere ukrainische Städte: Kramatorsk, Druschkiwka, Artemiwsk, alles kleinere Orte, strategisch nichtssagend, symbolisch aber höchst bedeutend. Hier hatte die ukrainische Armee monatelang kaum Erfolge zu vermelden, dafür aber viele tote Soldaten. Nun weht über Slowjansk die ukrainische Fahne, und in diesen Tagen dürften nach und nach einige der Tausende Flüchtlinge zurückkehren. Die Separatisten haben sich derweil zurückgezogen in das Herz des Donbass, in die 90 Kilometer südlich gelegene Stadt Donezk mit einer Million Einwohner.

Von dort aus versuchen sie nun, ihre Niederlage wie eine Strategie zu verkaufen. Man habe endlich die Kräfte gebündelt – bislang war Slowjansk das militärische Zentrum, Donezk hingegen das politische. "Alles in allem ist der Kampfgeist der Truppen hoch wie nie", sagt ein Mitglied des Rates der selbst ernannten Donezker Volksrepublik. Dass es massenhaft Absetzungserscheinungen gebe, dass Männer desertierten und die ukrainische Seite unterstützten, wie immer wieder erzählt werde, das sei schlichtweg falsch.

Doch Fakt ist: Die Separatisten haben Tote zu beklagen, sie haben Waffen verloren, und intern brodelt Streit um die Führung und die Ziele. Der Rückhalt in der Bevölkerung schwindet noch mehr: Am vergangenen Sonntag gingen in Donezk gerade einmal 1.000 Menschen auf die Straße, um die Separatisten zu unterstützen. Je beschwerlicher das Alltagsleben, desto größer die Ungeduld mit dieser bunten Truppe aus Kämpfern und Banditen, die die Stadt besetzen. Viele Läden haben geschlossen, die Geldautomaten sind leer. Die Separatisten haben mehrere Gebäude, darunter Teile der Universität sowie eine Militärakademie, besetzt, wo sie nun offenbar ihr Hauptquartier haben. Drei Brücken nach Donezk wurden gesprengt, um das Vorrücken der ukrainischen Armee zu stoppen. Doch am Rande der Stadt liefern sich ukrainische Streitkräfte offenbar erste Gefechte mit den separatistischen Kämpfern.

Sicher, Donezk ist eine Metropole, die sich nicht einfach stürmen lässt. Sie bietet Schutz, und Schutz gibt den Separatisten Zeit – mehr aber auch nicht. Ihre Erwartungen an Moskau wurden enttäuscht, Verhandlungen mit Kiew lehnen sie ab. Ihr einziger politischer Erfolg könnte noch sein, dass am Ende Moskau wenigstens als Vermittler auftritt.