DIE ZEIT: Der Wissenschaftsrat empfiehlt, deutsche Mediziner anders auszubilden. Sind unsere Ärzte schlecht auf die praktische Arbeit vorbereitet, sei es in einer Notaufnahme, auf einer Station oder in der Praxis?

Hans-Jochen Heinze: Überhaupt nicht. Es gibt kein Land, in dem ich lieber behandelt würde als in Deutschland, auch wegen der Qualität der Arbeit meiner Kolleginnen und Kollegen. Deutsche Mediziner sind im Ausland zudem äußerst beliebt.

ZEIT: Dann kann ja alles beim Alten bleiben.

Heinze: Eben nicht. Kaum ein Beruf wird sich so sehr verändern wie der des Arztes. Die Bevölkerung wird älter, damit rücken bestimmte Krankheiten viel stärker in den Mittelpunkt, die wir nur gemeinsam mit anderen Gesundheitsberufen bewältigen können, etwa Demenzen. Wir Ärzte werden unsere Therapien in Zukunft immer zielgerichteter auf den Einzelnen zuschneiden können. Für all das müssen Ärztinnen und Ärzte lernen, im Team zu arbeiten. Gleichzeitig benötigen sie eine fundierte wissenschaftliche Grundbildung. Das heutige Studium bietet da zu wenig.

ZEIT: Aber wir reden seit mehr als 20 Jahren darüber, dass sich beim Medizinstudium etwas ändern, dass etwa mehr Praxis integriert werden muss. Warum ist da nichts passiert?

Frank Ulrich Montgomery: Es hat sich ja schon einiges verändert – wenn auch noch nicht genug. Knapp ein Dutzend Universitäten bieten heute ein Studium an, in dem Theorie und Praxis viel besser miteinander verzahnt sind als in den herkömmlichen Studiengängen. Die Studenten haben in diesen Modellstudiengängen sehr viel früher und intensiver Kontakt zu Patienten.

ZEIT: Merken Sie Unterschiede zu Absolventen, die noch traditionell studiert haben?

Montgomery: Ja, die jungen Mediziner aus den Modellstudiengängen sind nicht nur sehr gut ausgebildet. Sie haben auch weniger Berührungsängste den Patienten gegenüber, sie sind praktischer veranlagt und auch zufriedener mit ihrem Studium.

ZEIT: Warum ist das so?

Heinze: Es ist motivierender, wenn man nicht erst vier Semester einzelne Fächer pauken muss – Biochemie, Physik oder Physiologie –, sondern von Beginn an den Beruf konkreter am Klinikbett erlernt, anhand von Organfunktionen und Krankheiten. Dabei bleibt ganz klar: Die Grundlagenfächer haben weiterhin eine sehr wichtige Funktion.

ZEIT: Wenn die neuen Studiengänge so gut sind: Warum hat erst ein Viertel der Universitäten das Modell übernommen?

Montgomery: Weil die Reform unglaublich viel Mühe und Zeit kostet. Sie müssen das gesamte Studium umkrempeln, aus Semesterveranstaltungen neue kleine Lerneinheiten schneidern, und alle Professoren einer Fakultät müssen da mitziehen. Das erfordert eine starke Führung. Ich habe das in Hamburg mitbekommen. Der Kurs, den wir Radiologen heute dort geben, ist mit dem alten Lehrangebot kaum noch zu vergleichen. Die Lerngruppen sind sehr viel kleiner, der Kontakt zu den Studierenden ist sehr viel intensiver. Das ist eine gewaltige Umstellung.

Heinze: Seien wir ehrlich: Wenn die Universitäten heute einen Professor berufen, dann schauen sie auf seine Leistungen als Arzt und Forscher. Ob er auch ein guter Vermittler seines Faches ist, steht weit weniger im Fokus. In den neuen Studiengängen dagegen hat die Lehre ein viel größeres Gewicht. Der Wissenschaftsrat sagt nun ganz klar: Die Modellstudiengänge haben sich grundsätzlich bewährt, die Strukturen und Erfahrungen sollen von den anderen Universitäten weitgehend übernommen werden. Bei aller Praxisnähe dürfen wir aber die Wissenschaft nicht vergessen. Da hat die Medizinerausbildung Nachholbedarf, auch in vielen der Modellstudiengänge.