Michael Hagner

1) Kaufen Sie Ihre Bücher bei Amazon? Nein. Ich hatte mehrere Jahre ein Konto, um einen Teil der englischsprachigen Bücher zu bestellen, aber das Konto habe ich Anfang 2013 geschlossen. Ausländische Bücher kann man zum gleichen Preis auch bei anderen Onlineanbietern bestellen.

2) Finden Sie es richtig, Bücher bei Amazon zu kaufen oder die eigenen dort verkaufen zu lassen? Vor 25 Jahren fand ich es nicht richtig, Bücher in einer der damals aufblühenden Buchhandelsketten zu kaufen, und auch heute will es mir nicht in den Kopf, wieso man seine Bücher nicht in einer guten Buchhandlung kaufen kann. Die Buchhandelsketten beginnen gerade zu verschwinden. Es stimmt zuversichtlich, dass auch Amazon ein sterblicher Leviathan ist.

3) Würden Sie als Autor gerne Ihren Verlag anweisen, die Bücher nicht mehr über Amazon zu vertreiben? Auf keinen Fall. Abgesehen davon, dass es in meinem Fall nur eine symbolische Geste wäre, da ich keine Bestseller schreibe: Wenn die Verlage, die mir am Herzen liegen beziehungsweise in denen ich meine Bücher veröffentliche, ihr Buchprogramm nicht mehr über Amazon verkaufen könnten, wären sie pleite. Mit dem erbarmungswürdigen Niedergang der Universitätsbuchhandlungen sind geisteswissenschaftliche Verlage – zumindest vorerst – auf Amazon angewiesen.

4) Was halten Sie von der Nachricht, dass Amazon die Bücher mancher Verlage nur verzögert liefert, wenn diese Verlage sich den Rabattforderungen von Amazon widersetzen?
Ich kann nicht behaupten, dass ich mich zu den Freunden von Hachette zähle, aber das Problem ist, dass Amazon auch viele kleine Verlage erpresst, worüber normalerweise nichts in der Zeitung zu lesen ist. Das liegt leider auch daran, dass viele Verlage sich ängstlich in Schweigen hüllen, von Ausnahmen wie etwa dem tapferen Verlag Melville House abgesehen. Dabei geht es um verdammt viel, denn Verlage, die den Namen verdienen, stehen für eine Kombination aus Programmen, kulturellen Orientierungen, Protesthaltungen, buchästhetischen Idealen und Geschäftssinn, und damit sind sie etwas genuin anderes als nur Verkäufer von Schrauben oder Gartenmöbeln. Wenn Amazon immer wieder versucht, Verlagen die Luft abzudrücken, kann man nicht so tun, als wäre das politisch irrelevant.

5) Was halten Sie von den Nachrichten über die Arbeitsbedingungen bei Amazon?
Amazon nutzt die Überwachungs- und Einschüchterungsmechanismen, die im Rahmen des globalisierten neoliberalen Systems möglich sind. Die Zufriedenheit der Kunden setzt voraus, dass irgendwo auf der Welt jemand sehr schlechte Karten gezogen hat. Das ist bei in China gefertigten Kleidungsstücken oder preiswertem Hühnerfleisch nicht anders. Insofern ist Amazon-Bashing wohlfeil, wenn wir uns nicht eingestehen, dass wir den Buchauslieferer oder die Buchhandlungen bekommen, die wir verdient haben.

6) Alles zusammen genommen, mit wie vielen Sternen (von fünf möglichen) würden Sie Amazon bewerten?
Sterne vergeben? Soll ich genau der Logik folgen, die ich für unsinnig halte?