Der Bayer-Konzern kennt diese Geschichten. Aber er tut sie als Einzelfälle ab. Jedes Verhütungsmittel berge potenzielle Risiken, und keine Methode sei für jede Frau geeignet, heißt es. Edio Zampaglione, Vice President US Medical Affairs bei Bayer, sagt, Schwangerschaften könnten durchaus auftreten, wenn die Frauen in den ersten drei Monaten, in denen die Spiralen mit dem umliegenden Gewebe verwüchsen, nicht zusätzlich verhüteten. Oder wenn die Ärzte das Produkt nicht richtig einsetzten. "Wird das Verfahren richtig angewendet, ist es zu 99,83 Prozent wirksam", sagt Zampaglione. Das "Nutzen-Risiko-Profil" von Essure sei in mehr als 400 Publikationen dokumentiert. Diese belegten dessen Sicherheit.

In der Patientenbroschüre zu Essure, die Bayer vor einigen Monaten überarbeiten ließ, räumt der Hersteller allerdings selbst Gefahren ein. Unter langfristigen Risiken sind etwa "chronische Beckenschmerzen" aufgeführt sowie der Hinweis, dass die Spiralen "in seltenen Fällen" ins Becken oder in den Bauchraum wandern könnten.

Essure wurde 2002 von der amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) zugelassen und wird noch in 21 weiteren Ländern vertrieben, darunter in Frankreich, Großbritannien, Neuseeland. In Deutschland ist Essure zwar zugelassen, aber nicht erhältlich. Die Entscheidung über eine Markteinführung sei noch nicht gefallen, lässt Bayer mitteilen. Mehr als eine halbe Million Frauen weltweit tragen die Spiralen im Körper.

Essure war ursprünglich ein Produkt der kalifornischen Firma Conceptus. Im Juni 2013 kaufte Bayer diesen Hersteller auf, nun gehört Essure den Leverkusenern. Zwischen Juni und Dezember 2013 setzte Bayer damit 74 Millionen Euro um.

Die Gesundheitsbehörde FDA, die Essure zugelassen hat, stellt sich vor Bayer. Zwischen November 2002 und Oktober 2013 sind bei ihr 943 Hinweise auf Komplikationen in Zusammenhang mit Essure eingegangen. Die meisten betrafen Schmerzen (606), Blutstürze (140), wandernde Spiralen (116). Die Behörde hat daraufhin die Ergebnisse einer Fünf-Jahres-Studie erneut geprüft und abschließend festgestellt: "Obwohl es, wie bei allen medizinischen Produkten, Hinweise auf Komplikationen gibt, haben die Ergebnisse dieser Studie weder neue Sicherheitsprobleme noch das vermehrte Auftreten von bereits bekannten Problemen gezeigt." Die FDA bestätigt: Essure sei zu "99,83 Prozent" wirksam.

Dazu muss man allerdings wissen, dass die Behörde nur jene Studienergebnisse prüfte, die der Hersteller selbst bereitgestellt hatte. Eine unabhängige Studie gibt es nicht. Ebenso wenig Daten über mehr als fünf Jahre.

"Ich würde meinen Patientinnen Essure nicht empfehlen", sagt die Gynäkologin Doris Scharrel vom Berufsverband der Frauenärzte, die eine Praxis bei Kiel betreibt. Das Verfahren berge zu viele Risiken. Selbst für einen geschulten Arzt sei es eine Herausforderung, die Spiralen in den beweglichen Eileitern richtig zu platzieren: "Die papierdünne Haut der Eileiter kann dabei durchbohrt werden."

Ein Forscherteam um den Gynäkologen Zain A. Al-Safi von der University of Colorado kommt zu einem ähnlichen Schluss: "Selbst in den Händen von erfahrenen Operateuren kann es zu einem fehlerhaften Einsatz, zur Durchlöcherung (der Eileiter, Anm. d. Red.) und zum Ausstoß der Essure-Einsätze kommen", schreiben die Experten. Für ihre Studie haben sie eine Datenbank mit 457 Patientenberichten über Komplikationen mit Essure ausgewertet: 270 Frauen mussten sich einer weiteren Operation unterziehen, 44 verloren dabei ihre Gebärmutter.

Fünfeinhalb Wochen nach ihrem Auftritt in Köln sitzt Garcia in ihrem Haus im Norden Miamis. Sie lebt hier mit ihrer Mutter, ihrer 15-jährigen Tochter Rebekah, einer Shih-Tzu-Hündin namens Mia, einer zugelaufenen Russian Blue und einem Wellensittich. Das Haus ist eines von Hunderttausenden in Amerikas Vorstädten: ein umgedrehter Schuhkarton, auf den jemand ein Dach gesetzt hat, kein Keller, kein Obergeschoss. Das Gras im Vorgarten ist braun. Tritt man durch die Tür, steht man gleich mitten im Wohnzimmer. An der Wand hängt ein Flachbildfernseher, er scheint der wertvollste Gegenstand im Haus zu sein. Das Sofa ist abgewetzt und hat Flecken. Garcia trägt die gleichen Perlenohrringe wie bei der Hauptversammlung. Sie spricht schnell, und diesmal hält kein Haarspray ihre Finger davon ab, sich dauernd in die blonden Strähnen zu graben.

"Bayer hat unsere Gesundheit gestohlen, sie sollten nicht auch noch unsere Stimme stehlen", sagt Garcia. Deshalb sei sie die 7.600 Kilometer von Miami nach Köln gereist. In der Facebook-Gruppe sammelten die Frauen Geld für ihre Fahrt, manche gaben fünf Dollar, andere zehn, manche hundert. Nach sieben Wochen hatten sie genug für Flug und Hotel zusammen. Die Frauen schickten Garcia Motivationskarten und Kühlschrankmagneten. Auf einem steht: kick ass, take names, was so viel heißt wie: Mach sie fertig!

Als zweieinhalb Wochen vor Abflug die Nachricht kommt, dass auf der Hauptversammlung ausschließlich deutsch gesprochen werden dürfe, platzt der Auftritt fast noch. Der Bayer-Konzern, der zu mehr als drei Vierteln in ausländischem Besitz ist und mit dem Claim Science for a better life wirbt, lässt kritische Beiträge nicht auf Englisch zu. Garcia überlegt kurz – und lernt ihre Rede auf Deutsch.

Doch dann darf sie vor den Aktionären nicht einmal ausreden. Als sie länger als die erlaubten zehn Minuten spricht, wird sie von Bayer-Aufsichtsratschef Werner Wenning unterbrochen. Sie solle nun bitte ihre Fragen stellen, ermahnt er sie auf Deutsch. Garcia schaut ihn ratlos an, sie versteht kein Wort. Es muss erst ein Herr mit Hornbrille aus dem Publikum nach vorn kommen und übersetzen. Garcia blättert durch ihre Unterlagen, Fragen hat sie nur auf Englisch vorbereitet. Der Herr mit der Hornbrille versucht zu helfen, doch da ruft Wenning schon den nächsten Redner auf. Garcia tritt ab – unter dem spärlichen Applaus einiger Aktionäre und den gelangweilten Blicken der Bayer-Vorstände. Die Geschichte von Baby Julius, die Garcia hier unbedingt erzählen wollte, bleibt ungehört.

Im Norden Miamis hebt Garcia die Hündin Mia nun aufs Sofa und krault ihr den Kopf. Dann erzählt sie, wie der Kampf ihres Lebens begann. Es ist Frühjahr 2011, als Garcia beschließt, keine weiteren Kinder zu haben. Sie ist damals 38 Jahre alt und geschieden. Ihr Frauenarzt empfiehlt ihr Essure, weil es "sicher und schmerzfrei" sei. Unmittelbar nach dem Eingriff sei sie krank geworden. "Ich hatte ständig Krämpfe im Unterleib, mein Energieniveau sackte ab, alle paar Tage bekam ich einen Migräneanfall." Ihre Füße und Hände fühlten sich merkwürdig an, kribbelten oder wurden taub. Ihre Regel blieb monatelang aus, dann wieder blutete sie wochenlang jeden Tag. Die Ärzte können nichts Auffälliges finden, einer rät ihr: Nehmen Sie ab!