Sie sind begehrt. Seit Jahren wächst in Deutschland der Markt für ökologisch angebaute Lebensmittel. Der Bioboom hat den kleinen Müsliladen an der Ecke längst hinter sich gelassen und die Discounter erreicht.

Viele Menschen halten Biolebensmittel per se für gesünder. Belegen ließ sich dieser Glaube bislang aber nicht: In großen Studien konnten keine Nährwertunterschiede zwischen ökologisch und konventionell angebauten Lebensmitteln nachgewiesen werden. Auch in der ZEIT haben wir immer wieder klargestellt: Bio schont zwar die Umwelt, schützt den Boden, vermehrt die Artenvielfalt, nützt dem Tierschutz. Auf dem Teller aber bringen Biolebensmittel keinen Vorteil.

Wir haben uns dabei unter anderem auf eine große Analyse der britischen Food Standards Agency berufen, die 2009 nach der Durchsicht von 46 Studien keinen ernährungsphysiologischen Nutzen von Biokost entdecken konnte.

In dieser Woche nun ist im British Journal of Nutrition eine neue Metastudie erschienen. Autoren aus Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Polen, den USA und der Schweiz haben diesmal gleich 343 wissenschaftliche Studien zu Nährstoffgehalt, Schwermetall- und Pestizidbelastung von Nutzpflanzen unter die Lupe genommen. Sie kommen zu einem eindeutig anderen Ergebnis: Lebensmittel aus ökologischem Anbau haben geringere Nitrit- und Nitratgehalte. Sie sind weniger mit Schwermetallen und Pestiziden belastet. Und sie haben einen signifikant höheren Gehalt an gesundheitlich förderlichen Antioxidantien. Kurz: Sie unterscheiden sich deutlich von konventionellen Lebensmitteln.

Die Botschaft hat den Konsumenten noch gar nicht erreicht, da beginnt hinter den Kulissen schon der wissenschaftliche Streit: Sind die analysierten Studien die richtigen? Sind die Daten verlässlich? Stimmt die Statistik? Schützen Antioxidantien tatsächlich vor Krebs? Sind Pestizide in geringen Konzentrationen überhaupt schädlich?

Die Autoren kennen diese Streitfragen seit Jahren. Darum setzen sie auf größtmögliche Transparenz. Alle Daten der Studie sind auf einem Server der federführenden Newcastle University für jedermann zugänglich.

Für den Durchschnittskonsumenten vor dem Supermarktregal haben die Forscher ihre komplexen Berechnungen zu einer einfachen Botschaft verkürzt: Wer Lebensmittel aus biologischem Anbau kauft, könnte sich wegen der größeren Mengen an Antioxidantien täglich eine Portion Obst oder Gemüse sparen.

Aber vielleicht ist Sparen die ganz falsche Strategie. Vielleicht ist mehr Gemüse noch gesünder. Vielleicht schützen mehr Äpfel noch besser vor Krebs und Herzinfarkt. Wie gesund der Bioboom im Supermarkt wirklich ist, das sollen nun weitere Studien zeigen – Studien, in denen nicht nur gemessen sondern auch gegessen wird. Bis dahin wird der Streit weitergehen.