Vor fünf Jahren erreichte Schwarz die Nachricht, dass in der Linzer Pfarre Herz Jesu etwas nicht in Ordnung sei. Die Pfarre wird von einem Pfarradministrator und einem Kaplan geleitet, die beide dem Weg angehören. Elternvertreter beklagten sich, der Pfarradministrator habe ihren Kindern eingeredet, der Teufel sitze ihnen auf der Schulter. Zudem spalte das Neokatechumenat die Gemeinde in Erleuchtete und Sonntagschristen – ein Vorwurf, der auf der ganzen Welt in Pfarren erhoben wird, in die der Weg eingedrungen ist. Im Frühjahr 2012 führt Franz Handlechner, Dechant des Bistums Linz, eine offizielle Visitation in der Herz-Jesu-Pfarre durch. Der Visitationsbericht, welcher der ZEIT vorliegt, erhebt schwere Vorwürfe. Die Geistlichen des Wegs hätten "eine Seelsorge des Verärgerns, Vertreibens und Verletzens" praktiziert. "Erwachsene, psychisch gefestigte Personen" seien "zur Verzweiflung gebracht" worden. Kinder mussten öffentlich im Pfarrsaal beichten und bei der Erstkommunion Satan entsagen. "Familie ist wichtig", so soll der Pfarradministrator seine eigene Interpretation der katholischen Sexualmoral verkündigt haben, "aber nicht die mit zwei Kindern, sondern die mit vier, fünf oder sieben Kindern."

Der Bericht belegt: Die Priester ignorierten oder entmachteten alle gemeindeinternen Kontrollinstanzen. Die Folge: Ein Exodus von 256 ehrenamtlich engagierten Katholiken, die mit dem Weg nichts anfangen konnten und die Pfarre verließen – "und es ist den beiden neokatechumenalen Priestern egal, dass sie weg sind", steht im Visitationsreport.

Warum konnte der Weg in Herz Jesu schalten und walten, wie er wollte? In dem Brief der Dekanatsleitung heißt es: "Hinweisen möchten wir, dass es vermutlich eine Absicht des Kardinals Schönborn ist, die räumlichen Gegebenheiten von Herz Jesu zu nutzen, um hier einen Stützpunkt des Neokatechumenats in Oberösterreich zu etablieren: wir wissen (...), dass der Kardinal einmal in Herz Jesu war, um die Lokalitäten zu erkunden." Der Bericht gipfelt in einem Appell an Bischof Schwarz: "Du hast die Verantwortung, dem Einhalt zu gebieten. Was muss noch alles passieren, damit du handelst?" Schwarz jedoch versetzte die Priester nicht. Das Bistum kommentiert das so: "Auf die Wünsche des Bischofs sind beide Priester im Wesentlichen eingegangen. Deshalb sind sie auch weiterhin im Amt."

Was aber macht den Weg für die Kirche so attraktiv? Neben den Berufungen zum Priesteramt sind es wohl vor allem die vielen Geburten. Oft ziehen Ehepaare des Wegs fünf oder mehr Kinder groß. Jedes von ihnen gilt im Weg als Beweis, dass man die katholische Sexualmoral tatsächlich lebe. Das gefällt den Bischöfen. Diesen Kirchenfürsten ist zahlreicher Nachwuchs noch immer Synonym für eine heile Glaubenswelt mit gottgefälligem Eheleben. So auch Schönborn: "Ich komme aus einer geschiedenen Familie", predigte er 2008 vor den Anhängern des Wegs, "meine Eltern waren geschieden, mein Großvater war geschieden, meine zwei Brüder waren geschieden." Im Weg hingegen sind Scheidungen undenkbar. Dafür sorgt ein ausgeklügeltes System sozialer Kontrolle.

Anton Hofer (Name von der Redaktion geändert) hat dieses System am eigenen Leib erlebt. Beinahe 20 Jahre gehörte er einer Gemeinschaft des Neokatechumenats in einer österreichischen Großstadt an. "Öffentliche Gewissenserforschungen", sagt er, "waren da selbstverständlich." Auch für Priester. Einmal habe er sogar erlebt, wie ein Priester vor der Gemeinschaft über seine Gelüste sprechen musste. Unwürdig sei das gewesen.

Aber die Kontrolle könne nicht nur beengen, sie könne auch behüten. Das erfuhr Hofer Anfang der neunziger Jahre. Damals habe er, erzählt er, in einer Lebenskrise gesteckt und Halt gesucht, so wie viele, die auf den Weg aufmerksam geworden sind. Der Weg gab ihm, was er brauchte: Geborgenheit, Regeln, Struktur. Irgendwann aber wurde die Struktur übermächtig. Sie fraß das Leben, bis kaum mehr etwas übrig blieb.

Jede Gemeinschaft des Wegs wird von einem Verantwortlichen und einem Katechisten geleitet. Ihnen gehorcht die Gemeinschaft. Dabei sind beide nur ganz normale Laien. Ausbildung oder Weihe braucht es für ein Amt im Weg nicht. Den Katechisten infrage zu stellen ist dabei ebenso verpönt wie freies Denken oder jeder Hauch von Kritik. Nur das persönliche Glaubenszeugnis zählt, das Bekenntnis. Der Theologe Paul Zulehner nennt das den "strategisch genötigten Glaubensweg" des Katechumenats.

"Es gibt Universitätsprofessoren im Weg", erinnert sich Hofer, "die ohne den Katechisten die einfachsten Dinge des Lebens nicht entscheiden konnten." Der Weg gliedert sich in Stufen, die der frühchristlichen Vorbereitung auf die Taufe, dem sogenannten Katechumenat, nachgebildet sind. Wer eine gewisse Stufe erreicht, entrichtet den "Zehnten" und spendet zehn Prozent seines Bruttoeinkommens an den Weg. Zudem ist es üblich, bei den Übergangsritualen, den Scrutinien, Geldopfer zu erbringen. Geld gilt im Weg als Götze. Der Gläubige müsse sich davon befreien. Was mit dem befreiten Geld genau geschieht, wissen die meisten Gläubigen nicht.