DIE ZEIT: Süden oder Norden – wohin zieht es die Deutschen?

Martin Lohmann: Die überwältigende Mehrheit macht Urlaub im Süden. Es gibt Menschen, die fahren jeden Sommer nach Spanien oder Italien – oft sogar immer an denselben Ort. Der Nordurlauber ist flexibler. Er fährt mal hierhin und mal dorthin, mitunter auch in den Süden.

ZEIT: Wie erklären Sie sich den Unterschied?

Lohmann: Der Süden entspricht unserem touristischen Sehnsuchtsbild. Wir wünschen uns in eine Welt, die bunt und warm ist, freundlich, hell und sanft. Dieser Traum ist von Sonne und Strand bestimmt, früher vielleicht von Eleganz, die heute eher durch Leichtigkeit ersetzt wurde. Auf jeden Fall vom schönen Leben.

ZEIT: Und mitten drin der empfindsame Deutsche, der in seinem Leinenanzug im Schatten der Renaissancearkaden sitzt und sich an ungewohnten Farben und Düften berauscht.

Lohmann: Das ist nur ein Klischee, genährt von Tod in Venedig. Wahrscheinlich sieht man eher jemanden, der in adidas-Schlappen aus dem 500-Betten-Hotel in Marbella tritt, in dem er sich am Abend vorher den Bauch mit Sachen vollgeschlagen hat, die er nicht benennen könnte. Der sich jetzt auf die Liege am Pool plumpsen lässt, obwohl direkt dahinter das Meer ist – aber das ist ihm zu weit. Unsere Befragungen, die wir für die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) durchführen, zeigen insgesamt, dass passive Erholung als Reisegrund immer wichtiger wird. Und dafür ist ein südlicher Strand gut geeignet.

ZEIT: Heißt das, wir sind fixiert aufs Wasser, und der Sehnsuchtssüden findet ungesehen hinter unserer Hotelanlage statt?

Lohmann: Wenn er denn überhaupt existiert. Hermann Hesse hatte da schon vor neunzig Jahren seine Zweifel. Es gibt eine Erzählung von ihm, Die Fremdenstadt im Süden. Dieses Städtchen liegt an einem See, und dort flanieren Touristen, entzückt vom idyllischen Treiben im Hafen und am Ufer. Im Laufe der Erzählung merkt man, dass alles Kulisse ist. Die Fischer fischen nicht, sie malen ihre Boote nur für die Gäste bunt an. Im Hinterland tobt das echte, dreckige Leben. Erstaunlich, wie klar Hesse damals schon erkannte, was Tourismus bewirken kann.

ZEIT: Aber bewirkt er dabei nicht auch Gutes? Wir helfen doch dabei, den schönen Schein für alle echt werden zu lassen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Lohmann: Klar, da besteht eine konkrete wirtschaftliche Verflechtung. Ohne die Einnahmen aus dem Tourismus gäbe es an den mediterranen Häfen sicher keine Promenaden mit gepflegten Palmen. Das malerische Restaurant von heute wäre noch eine Fischerhütte. Mit unserem Geld schaffen wir unsere Wirklichkeit. Und die kann durchaus schöner sein als das, was vorher da war.

ZEIT: Ist es typisch deutsch, den Süden romantisch zu finden?

Lohmann: Zumindest ist es typisch für die nördlichen Länder. Mit Abstand romantisiert es sich leichter. In Mailand käme keiner auf die Idee, Apulien zu verklären.

ZEIT: Verklären wir auch Nordeuropa?

Lohmann: Im Kaiserreich und bis in die Nazizeit war das tatsächlich ein Trend. Die gesellschaftliche Perspektive richtete sich nach Norden, die Ideologie hatte nicht viel für den Süden übrig. Nach dem Krieg konnte man mit Kaiser und "Kraft durch Freude" natürlich keinen mehr locken, zur Zeit des Wirtschaftswunders kam der Süden in Mode.