Ein Leben für diese Bilder – Seite 1

Die Tage, an denen ausländische Fotografen in Aleppo sind, müssen schöne Tage für Molhem gewesen sein. Meist kommen die Fotografen direkt von der Front, die Kameras staubig, die Gesichter müde. Molhem wartet dann auf sie im Medienzentrum, in der Nähe des Flughafens. Er sieht zu, wie sie ihre Fotos bearbeiten und hochladen. Fotos, die in einem Moment ganze Geschichten erzählen. Über das Sterben in Syrien, über Politik und Krieg.

Molhem – damals 16 oder 17 – ist fasziniert von der Macht dieser Bilder. Und er stellt Fragen. Was ist das für eine Kamera? Wie reguliert man die Blende? Wie die Verschlusszeit? Was ist ein gutes Bild? Er will auch solche Bilder machen. Einige der Profis sind genervt. Andere lassen ihn mit ihren Kameras üben.

2012 ist das, in Syrien ist die Wirtschaft zusammengebrochen, die meisten Unis und Schulen sind geschlossen, es gibt kaum Jobs. Der Krieg zerstört vieles. Wer Geld verdienen will, muss sich nach neuen Möglichkeiten umsehen. Einige Syrer fangen daher an, für ausländische Medien zu arbeiten. So wie Molhem und seine Freunde.

Da ist Ayman, der Laserphysik studiert hat und seit Kriegsausbruch als Kameramann arbeitet. Da ist Mahmud, der Englische Literatur studiert hat und jetzt für die New York Times übersetzt. Da ist Anwar, den sie "den Deutschen" nennen, weil er unter anderem für die ARD und den Spiegel arbeitet, als Kameramann, Fotograf, Übersetzer und Fahrer. Auch die ZEIT hat Anwar als freien Mitarbeiter beschäftigt. Er spricht gutes Englisch und führt die westlichen Reporter durch den unübersichtlichen Krieg. Es ist ein gefährliches Pflaster, auf dem sich die Männer bewegen. Trotzdem sagt Anwar, er habe sich die meiste Zeit über sicher gefühlt. "Das taten wir alle."

Ein Trugschluss, wie sich herausstellen wird. Deswegen erzählt Anwar diese Geschichte, die von Molhem handelt und von ihm selbst, nicht in einem Café in Aleppo, sondern im türkischen Kilis. Auch die Gespräche mit den Kollegen der beiden fanden jenseits der syrischen Grenze statt, in der Türkei und England. Einige davon haben mit Molhem in Aleppo zusammengearbeitet. Manche waren gut mit ihm befreundet, andere sahen ihn als Konkurrenten. Molhem selbst kann nicht mehr erzählen. Das ist das traurige Ende dieser Geschichte.

Molhem und die anderen sind Autodidakten, die als Laien angefangen haben, aber bald wissen, wie man Kameras so bedient, dass keine Wackelvideos entstehen. Sie lernen, Satellitenverbindungen herzustellen, Livestreams einzurichten, Interviewpartner zu finden und während der Gespräche zu dolmetschen. Es gibt Dutzende von ihnen in Aleppo. Sie bauen ein Medienzentrum auf, zuerst draußen am Flughafen. Als die Artillerieangriffe zu schwer werden, ziehen sie in ein verlassenes Regierungsgebäude in der Stadt. Zwischenzeitlich arbeiten dort rund 60 von ihnen in vier Abteilungen, Produktion, Schnitt, Kamera und Übersetzen. Es ist ein Zentrum des Medienkriegs, zu dem der syrische Bürgerkrieg spätestens 2012 auch geworden ist.

Vor dem Krieg hat Molhem Barakat in einem Telefonshop gejobbt. Jetzt beginnt er zu fotografieren. Bald sind seine Bilder so gut, dass die ausländischen Fotografen über den schmalen Jungen staunen. Die Nachrichtenagentur Reuters wird auf ihn aufmerksam. Und im Mai 2013, als Syrien zu gefährlich geworden ist, um eigene Reporter hinzuschicken, heuert Reuters ihn an. Die Agentur schickt Molhem eine Kamera, mehrere Objektive. Er gehört jetzt dazu. Seine Bilder erscheinen überall auf der Welt. Im Time Magazine. In der Süddeutschen Zeitung. Auf der Titelseite der New York Times. Darunter steht dann: "Molhem Barakat/Reuters".

Sie kennen das Handwerk und das Land

Nun sind keine ausländischen Reporter mehr im Land. Die Mitarbeiter des Medienzentrums werden selbst zu Reportern, auch wenn sie keine ausgebildeten Journalisten sind. Sie haben sich nie damit auseinandergesetzt, was objektive Berichterstattung bedeutet. Sie haben auch kein Training für den Einsatz an der Front wie professionelle Kriegsreporter. Sie kennen das Handwerk und das Land. Reicht das aus?

Es muss, sagen westliche Medienunternehmen. Sie befinden sich in einer schwierigen Lage. Sie müssen berichten, sie schulden der Öffentlichkeit Informationen. Fernsehsender brauchen Aufnahmen, Agenturen brauchen Fotos. Erst durch die Visualisierung wird das Geschehen in Syrien greifbar. Gibt es keine Bilder, gibt es keinen Konflikt. Deswegen arbeiten sie mit Laien zusammen, auch wenn sie um die Probleme wissen.

Für die ZEIT sind ein Reporter und ein Fotograf gemeinsam nach Syrien gereist, bis die Sicherheitslage zu unübersichtlich wurde. Für die übrige Berichterstattung wurde auf Agenturmaterial zurückgegriffen.

Der Bedarf ist groß – und Anwar, Ayman und Molhem liefern. Molhem geht jetzt jeden Tag an die Front. Er fotografiert Gefechte, Tote, den Alltag im Krieg. 150 Dollar am Tag soll er dafür bekommen haben, sagen seine Freunde. Reuters äußert sich dazu nicht.

Niemand wird zu diesem Job gezwungen. Aber in einem Land, in dem es kaum noch einheimische Arbeitgeber gibt, herrschen dennoch Zwänge. Molhem kann das Geld gut gebrauchen. Sein Vater ist arbeitslos, sein Bruder kämpft für die Rebellen. Der Teenager ernährt jetzt seine ganze Familie.

Aber es geht ihm nicht nur ums Geld. Molhem will mit seiner Arbeit die Revolution unterstützen. Zu jener Zeit, vor ein, zwei Jahren, hofften viele Syrer noch auf ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft. Mit ihren Berichten, glaubten die Medienaktivisten, könnten sie sie endlich dazu bewegen.

Sie nehmen es hin, dass ihre Arbeit ein großes Risiko birgt. Molhem bewegt sich oft in der Nähe der Front. Freunde erzählen ihm, wo die Scharfschützen lauern. Er lernt am Geräusch der fallenden Bomben zu erahnen, wo sie einschlagen. Er weiß, wo Assads Truppen stehen. Sie alle wissen es. "Vor denen nahmen wir uns in Acht", sagt Anwar.

Nur vor denen?

"Ja, wir glaubten, dass das reicht."

Es reicht nicht. Anwar ist einer der Ersten, der erfährt, dass sie noch einer weiteren Gefahr ausgesetzt sind. Als er davon erzählt, wirkt er immer noch fassungslos. Das Gespräch findet im April dieses Jahres statt, in seinem neuen Apartment im türkischen Kilis. Anwar ist hager, seine Wangen sind eingefallen. Er redet langsam, immer wieder stockt seine Stimme.

Es sei an einem Augustnachmittag 2013 gewesen, sagt er, in Asas, seiner Heimatstadt in Nordsyrien. Draußen sei es sehr heiß gewesen. Er habe geschlafen, als jemand an seine Haustür klopfte. Seine Frau sei gerade mit der kleinen Tochter bei Verwandten gewesen.

Was ist dann passiert? Anwar schildert es so: Er öffnet die Tür. Draußen steht ein gutes Dutzend maskierter Männer. Einige richten ihr Gewehr auf Anwar Mohamads Kopf. Sie zwingen ihn in ein Auto, verbinden ihm die Augen und fahren los. Er weiß nicht, wer diese Männer sind, was sie von ihm wollen. Aber immer wieder nennen sie ihn amil, Agent, Spion. Schon im Auto verprügeln sie ihn. Er habe große Angst gehabt, dass sie ihn töten, sagt er.

Sie sperren ihn in eine Zelle im Kinderkrankenhaus in Aleppo, das sie zu einem Gefängnis umgerüstet haben. In den nächsten Tagen quälen sie ihn mit Schlägen und Elektroschocks. Er arbeite für Ungläubige, sagen sie, anstatt wie sie selbst für Gott zu kämpfen. Sein neuer Job hat ihn zum Ziel gemacht.

Die Maskierten sind Kämpfer der radikalislamischen Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis), die derzeit den Nachbarstaat Irak in einen Bürgerkrieg zu stürzen drohen. Sie kämpfen unter der schwarzen Flagge Al-Kaidas, sind aber so radikal, dass sich sogar diese Terrororganisation von ihnen distanziert hat. Viele kommen aus Tschetschenien, Tunesien, Saudi-Arabien, Ägypten, einige wohl auch aus Deutschland, wie der deutsche Verfassungsschutz vermutet.

Sie behaupten, gegen das Regime Assads zu kämpfen, aber sie kämpfen gegen alles Säkulare – oder das, was sie dafür halten. In den ersten Monaten ihrer Herrschaft in Syrien entführen sie westliche Entwicklungshelfer und Reporter. Dann geraten Syrer, die mit Westlern gearbeitet haben, in ihr Visier. Anwar zählte zu den ersten Entführten, nach ihm hat es Dutzende seiner Kollegen getroffen. Viele von ihnen sind tot. Umgebracht, weil sie für ausländische Medien gearbeitet haben.

Anwar erzählt weiter: Mehrere Wochen lang hätten die Kämpfer ihn festgehalten. Manchmal hängen sie ihn stundenlang an der Decke auf, bis die Handschellen sich tief in seine Handgelenke schneiden. Irgendwann geben sie ihm einen Zettel. Was darauf steht, muss er auswendig lernen und vor einer Kamera aufsagen: Er habe die Isis-Führer ermorden wollen, er sei ein Agent des Westens. Anwar spielt mit. Doch er weiß, dass er den Islamisten damit den Vorwand liefert, ihn zu töten. Seine einzige Chance sieht er in der Flucht.

Es ist kurz nach Mitternacht. Die Luft ist warm. Welcher Tag genau es gewesen ist, weiß Anwar nicht. Er zerreißt das dünne Laken aus seiner Zelle in drei Teile, verknotet sie und hängt sie aus dem Fenster. Er zwängt sich zwischen den Gitterstäben hindurch. Seilt sich ab. Schleicht an den Wachen vorbei. Klettert über die Außenmauer und rennt los – so endet seine Geschichte.

Bei dem Gespräch im April ist Anwar seit neun Monaten in der Türkei. Eine Exklave für syrische Medienarbeiter ist dort entstanden. Ayman, der Kameramann, lebt in der Nähe, etwa eine Stunde entfernt. Auch ihn hatte Isis entführt. Mahmud hat sich abgesetzt, nachdem er Morddrohungen bekommen hatte. Insgesamt wohnen in dieser Gegend gut hundert syrische Medienaktivisten.

Wie viel Glück sie hatten, kann man in Internetvideos sehen. Eines zeigt, wie Isis-Kämpfer auf dem Marktplatz von Al-Rakka Gefangene mit Kopfschüssen hinrichten. Ein anderes, wie sie in Anwars Heimatstadt Asas vier Männer öffentlich enthaupten. Was Assad nicht geschafft hat, ist Isis gelungen. Es kommen kaum noch Informationen aus Syrien.

Eine Nachricht aber haben Anwar und die anderen bekommen: Molhem Barakat ist tot. Trotz aller Gefahren blieb der junge Kriegsfotograf in Aleppo. Einige seiner Freunde sagen, es sei jugendlicher Leichtsinn gewesen. Dieses Gefühl, es würde nur die anderen treffen. Andere sagen, er habe das Geld gebraucht.

Am 20. Dezember 2013 ist Molhem mit der Rebelleneinheit seines Bruders an die Front gegangen, um die Schlacht um das Krankenhaus in Aleppo zu fotografieren. Reuters sagt, man habe ihm einen Helm und eine Schutzweste geschickt. Beides habe er nicht getragen, sagen seine Freunde. Welche Verantwortung hat die Agentur für das Unglück? Dazu will sie sich auf Anfrage nicht äußern.

Sofort nach Molhems Tod posten Anwar und die anderen die Nachricht. In Sekunden wird ein Bild von seiner Leiche im Internet verbreitet. Er trägt einen Kapuzenpulli, "England" steht darauf in den Farben der britischen Flagge. Man sieht ein Kindergesicht, blutverkrustet, die Augen geschlossen. Es ist ein mächtiges Bild. Eines, das in einem Moment eine ganze Geschichte erzählt.

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