Man kann reich werden, wenn man auf den Cent achtet. Sehr reich sogar. Wie reich genau? Dieses Geheimnis hat Karl Albrecht mit ins Grab genommen. Wobei es in seiner Liga auf ein paar Milliarden Euro mehr oder weniger wirklich nicht ankommt. Nach seinem Bruder Theo starb nun auch Karl, der letzte der Aldi-Gründer. Im Alter von 94 Jahren. Als einer der reichsten Menschen der Welt. Vergangene Woche war das. In Essen. Wo sonst.

In Essen wuchsen die Brüder auf. Hier lernten sie und übernahmen nach dem Krieg den mütterlichen Krämerladen, den sie zu einem Reich des Massenkonsums ausbauten. Und obwohl Essen noble Ecken zu bieten hat, erinnern weite Teile der Stadt in ihrer Graumäusigkeit bis heute an das Innere einer typischen Aldi-Filiale: Besenrein und durchaus zweckmäßig. Aber irgendwie ein bisschen freudlos.

Aldi befeuerte den Massenkonsum. Ist das heute noch erstrebenswert?

Doch genau diese Attribute waren es, die die Albrechts so einzigartig machten. Sie haben den Konsum demokratisiert und die Mangelwirtschaft der jungen Bundesrepublik vom bitteren Mangel befreit. Zugleich haben sie ihn durch eine seltsame Leere ersetzt, die erst nach und nach erkennbar wird. Dabei boten die Aldi-Brüder persönlich keine Angriffsfläche, man konnte sie einfach nicht ablehnen. Wer immer sich über die ungerechte Verteilung des Wohlstands in Deutschland aufregt, die Albrechts taugen ihm nicht als schlechtes Beispiel – trotz ihres auf 30 Milliarden Euro geschätzten Familienvermögens. Niemand konnte den Brüdern je vorwerfen, sie protzten mit ihrem sagenhaften Reichtum oder spielten sich wie manch amerikanischer Hightech-Milliardär als Helden auf. Die streng katholischen Albrechts gingen in die Kirche, züchteten Orchideen und mieden ansonsten die Öffentlichkeit.

Sie ließen sich auch nicht zu Ausbeutern abstempeln. Denn obwohl der Alltag am Kassenband sicher kein Zuckerschlecken ist, so wurde man bei Aldi doch deutlich besser bezahlt als anderswo. Während der später gescheiterte Drogeriekönig Anton Schlecker sich noch mühte, als Arbeitnehmerschreck in die Wirtschaftsgeschichte einzugehen, erkannten die Albrechts den Wert zufriedener Mitarbeiter. Dieser Philosophie blieben auch ihre Nachfolger treu, als sich die Albrechts in den Neunzigern langsam aus der Unternehmensführung zurückzogen.

Karl und Theo Albrecht haben den Handel revolutioniert, die Art, wie wir heute konsumieren, haben sie geprägt und nebenbei dafür gesorgt, dass die meisten Menschen in Deutschland sich ein schönes Leben leisten konnten. Champagner für 12,99 Euro, Parma-Schinken für 2,79 Euro, Kaffee für weniger als vier. Was muss das für eine Bestätigung gewesen sein für die Brüder, die den Krieg und die Not erlebt haben: Überfluss für alle! Die Gleichheit der Menschen im Konsum!

Doch das Werk der Albrechts hat eine Eigendynamik entwickelt, sich von den Schöpfern gelöst und beginnt, aus der Zeit zu fallen. Schleichend wird deutlich, dass sich der wahre Preis der Überflussgesellschaft nicht in Euro ausdrücken lässt. Die Albrechts waren auch für weniger erfreuliche Dinge mitverantwortlich: für verödende Innenstädte etwa. Rührend wirkt der nun veröffentlichte Zettel, auf dem Karl Albrecht 1962 per Hand die Kosten des ersten Aldi-Marktes kalkulierte. "Miete" war schon damals ein großer Posten, und so erfanden die Albrechts bald den Einkauf auf der grünen Wiese. Wenn an manchen Marktplätzen jetzt außer der Kirche also bloß Geldautomat und Postkasten stehen, liegt das auch an Aldi und seinem Parkplatz im Grünen und Billigen. Dorthin sind Drogeriemarkt und Tierfutter-Kette gleich mitgezogen.

Aldi ist nah am Monopol, was andere zu spüren bekommen. Das Imperium, das die Brüder streng in Aldi Nord und Aldi Süd unter sich aufgeteilt haben und dessen Grenze bei Essen verläuft, umfasst allein hier gut 4000 Filialen. Aldi-Preise sind Richtpreise für die Konkurrenz. Deswegen fürchten Lieferanten die Verhandlungsmacht der Einkäufer, wenngleich diese als verlässlich und fair gelten. Trotzdem: Nicht lange her, da kippten wütende Bauern dem Discounter ihre Milch vor die Tür. Und soeben flog ein Kartell von Wurstfabrikanten auf, die höhere Preise gegenüber Aldi erzwingen wollten. Es geht dabei auch um die Frage, ob die Albrechtsche Lebensleistung – massenhaften Konsum zu ermöglichen – heute noch ein Ideal sein kann. Schließlich muss jemand das Schlachtvieh mästen und dessen Futter anbauen. Zugleich verbraucht Deutschland noch immer übermäßig Ressourcen. Wer bekommt künftig, was die Erde hergibt? Anders als in den frühen Aldi-Jahren ist es für die meisten kein Problem mehr, ein Steak auf den Teller zu bekommen. Im Gegenteil: Wir diskutieren die ethischen und ökologischen Folgen von Massentierhaltung. Und hier muss zwar niemand mehr hungern, aber viele sterben an den Folgen von Überfettung. Heute kann sich jeder den Einkaufswagen vollladen und noch einen Eimer Weingummis draufstellen. Ist das wirklich gut, nur weil es möglich ist?

Das Prinzip Aldi steht zwar für eine Reduzierung auf das Wesentliche, nicht aber für Selbstbeschränkung. Wobei man Karl und Theo Albrecht auch das nicht vorhalten kann: Die Milliardäre haben es Zeit ihres Lebens vorgemacht. Sie haben sich immer selbst beschränkt, ganz freiwillig. Man mag das geizig heißen, schrullig oder liebenswert. Auf jeden Fall waren die Brüder damit ziemlich erfolgreich.