Aus Höhlen, Gräbern und Mooren geborgen, erzählen menschliche Gebeine davon, woher wir kommen und wer wir sind. Und ab und an taucht ein Knochen auf, der die Historie der Menschwerdung, wie wir sie zu kennen glauben, plötzlich durcheinanderbringt.

Ein 100.000 Jahre alter Schädel aus China passt hinten und vorne nicht in den bislang gewachsenen Stammbaum. Als die Forscher um Xiu-Jie Wu von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften das Fossil Xujiayao 15 mit Röntgenstrahlen analysierten, entdeckten sie im Inneren eine typische Knochenstruktur, die Anthropologen bisher nur beim Neandertaler gefunden hatten.

Die Bauweise der Bogengänge im Innenohrlabyrinth gilt als eindeutiges Merkmal, um Mensch und Neandertaler zu unterscheiden. Doch dieses fossilierte Gleichgewichtsorgan gehörte einem Hominiden, der nicht dem Neandertaler, sondern dem modernen Menschen ähnelte. Mit der Entdeckung, vermuten die Wissenschaftler im Fachmagazin PNAS, stelle sich die Vorstellung als Irrglaube heraus, man könne Mensch und Neandertaler klar voneinander unterscheiden: "Viele Theorien über die Verbreitung des Homo sapiens werden durch den Fund infrage gestellt." Zumindest ist die Verwunderung darüber groß, wie ein "Neandertalerknochen" so weit nach Osten (und in einen solchen Schädel) geraten konnte.

Jean-Jacques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie überzeugen die Ergebnisse nicht. Zum einen sei die Methode der Gestaltanalyse veraltet. Zum anderen könne der Schädel auch von einer anderen Art Urmensch stammen – den Denisoviern.

Erst vor vier Jahren hatten Forscher Spuren dieser bis dahin völlig unbekannten Menschenart in der Denisova-Höhle in Südsibirien entdeckt: winzige Knochenfragmente, aus denen sich DNA extrahieren und analysieren ließ. Es zeigte sich, dass die Denisovier die nächsten Verwandten der Neandertaler sind. Wie sie tatsächlich aussahen, wissen wir bis heute nicht. "Wir haben keinen einzigen vollständigen Knochen gefunden", sagt Hublin.

Er vermutet, dass viele der 300.000 bis 50.000 Jahre alten Fossilien, die man in China gefunden hat, zu den Denisoviern gehören. Aber natürlich sei es schwierig, einen Knochen diesen Urmenschen zuzuordnen, solange es keine Gebeine zum Vergleichen gebe.

Spuren der Denisovier findet man auch im modernen Menschen – im Erbgut von Tibetern. Das berichten Forscher um Emilia Huerta-Sanchez in Nature. Im Genom des Hochgebirgsvolkes entdeckten die Wissenschaftler aus Berkeley eine Genvariante, die sie von den geheimnisvollen Denisova-Menschen geerbt haben müssen. Dies zeigte der Vergleich mit der vorzeitlichen DNA aus der sibirischen Höhle.

Die Denisova-Variante des Gens EPAS1 ermöglicht Tibetern das Leben in über 4.000 Meter Höhe. Auf dem Dach der Welt herrschen nämlich ungemütliche Bedingungen: Die Luft enthält 40 Prozent weniger Sauerstoff als auf Meereshöhe, die Vegetation ist karg, das Klima rau. Normalerweise würden unter solchen Bedingungen weniger Kinder geboren, die Frauen wären weniger fruchtbar, die Kindersterblichkeit wäre erhöht. Eine Population, die in dieser Höhenluft siedelt, würde normalerweise nach und nach aussterben.

Nicht so das tibetische Volk. "Bei den meisten Menschen steigt bei der Akklimatisation an 40 Prozent weniger Luftsauerstoff der Hämoglobinspiegel", schreiben die Forscher. Dieser Proteinkomplex in den roten Blutkörperchen transportiert Sauerstoff zu Organen und Muskeln. Mehr Hämoglobin macht das Blut allerdings auch dickflüssiger – und erhöht so das Risiko von Herzproblemen. Bei den Tibetern verhält es sich anders. Dank der Genvariante steige der Hämoglobinspiegel in 4.000 Meter Höhe nicht an; der Körper gewöhne sich an die Höhe. Die Folge: Tibeter haben die Fähigkeit, Sauerstoff effizienter zu nutzen.

Auch die Denisova könnten in derartigen Höhen gelebt und von der Genvariante profitiert haben, vermutet Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Er hatte die genetischen Spuren der Urmenschen vor vier Jahren entdeckt und zeigt sich nun überrascht, "dass dieses fast schon lehrbuchhafte Beispiel für die Anpassung des Menschen an eine bestimmte Umgebung auf die Denisovier zurückzuführen ist". Pääbo fasziniert, dass es Gene im menschlichen Erbgut gebe, die von Neandertalern oder den Denisoviern stammten – und heute medizinische Bedeutung besitzen: "Es scheint, als hätten wir nur sehr wenig Gene geerbt, aber einige davon waren für den Menschen sehr wichtig."

Der Paläogenetiker geht davon aus, dass noch einige Varianten in unserem Erbgut von ausgestorbenen Menschenformen stammen. "Wir haben das Genom des Neandertalers entschlüsselt", sagt er. Nun fange die Suche an. Wenn weitere Spuren des urzeitlichen Vetters im Erbgut überdauert haben, könnten auch sie unser Verhalten bestimmen.

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