Sommerpause. Im Reichstag herrscht Ruhe. Politik findet in diesen Tagen auf der Straße statt. "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus, und kämpf allein", tönt es in mehreren deutschen Städten auf propalästinensischen Demonstrationen, die gegen die israelischen Angriffe auf Gaza protestieren. Widerliche antisemitische Parolen werden skandiert, wie man sie so auf bundesdeutschen Straßen noch nicht gehört hat. Und plötzlich gibt es eine Debatte. Macht sich Antisemitismus in Deutschland breit?

Die Kanzlerin hat die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson erklärt. Die offiziellen Statements der Bundesregierung zum israelisch-palästinensischen Konflikt klingen dagegen in diesen Tagen noch ein wenig verhaltener als bei vergleichbaren Anlässen aus den Jahren 2006 und 2012. Auch damals antwortete Israel wie heute auf den Raketenbeschuss durch palästinensische Terroristen mit brachialen Gegenangriffen. "Israel hat ein Recht auf Selbstverteidigung", unterstützt die Kanzlerin auf ihrer Sommer-Pressekonferenz die Militärintervention. Dies müsse "natürlich immer angemessen durchgeführt werden", fügt sie hinzu. Aber das schwach hörbare Fragezeichen an die Verhältnismäßigkeit der israelischen Angriffe balanciert die Kanzlerin sogleich wieder aus. Schließlich habe die Bewaffnung der Hamas eine neue Qualität erreicht. Merkel belässt es beim Allernötigsten und verweist ansonsten auf das diplomatische Engagement ihres Außenministers.

Die Polizei war auf den Demonstrationen Anfang dieser Woche nicht in der Lage, die antisemitischen Hassgesänge zu unterbinden. Am Rande der Berliner Protestveranstaltung wird ein jüdisches Paar beschimpft und bedroht. "Eine Explosion an bösem und gewaltbereitem Judenhass", diagnostiziert der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, und man kann nur hoffen, dass Polizei und Justiz Wege finden, solche Exzesse unter dem Schutz des Demonstrationsrechts künftig zu verhindern.

Hat sich etwas geändert in unserem Verhältnis zu Israel, unbemerkt, unterhalb der offiziellen, oft ritualhaften Formeln, mit denen das Thema verhandelt wird? Dass offener Antisemitismus in Zukunft hierzulande Zulauf bekommen könnte, ist schon angesichts der wachsenden Zahl arabischstämmiger Jugendlicher durchaus denkbar. Und doch sind die Exzesse aus Berlin und Hannover alles andere als symptomatisch. Es handelt sich dabei eher um ein krasses Randphänomen als um ein Indiz für eine drastisch gewandelte gesellschaftliche Stimmung gegenüber Israel. Wenn sich etwas verändert, dann schleichend, leise, unspektakulär.

Noch immer dürfte die große Mehrheit der Deutschen Israel freundlich gesinnt sein, aus historischer Verantwortung, weil sie das Land mögen oder weil sie wissen, dass die einzige Demokratie in der Region sich seit Jahrzehnten gegen eine feindliche Umwelt behaupten muss. Und doch wächst das Unverständnis, in der Mitte der deutschen Gesellschaft, nicht an den notorischen rechten Rändern, dass Israel seine Sicherheit auf eine Weise zu verteidigen sucht, die seine Sicherheit auf Dauer eher untergraben als garantieren. Dass es sich auf eine Weise zur Wehr setzt, die am Ende auch die Sympathie seiner Freunde auf eine allzu harte Probe stellen könnte.

Natürlich kann und will man gegen das Recht Israels, sich gegen den Raketenterror der Hamas zu verteidigen, nichts einwenden. Aber zugleich lassen die Proportionen der Opferzahlen, bei denen in der Regel einem Toten auf israelischer Seite 20 oder mehr getötete Palästinenser gegenüberstehen, die israelischen Angriffe erschreckend unangemessen erscheinen. Den Opferzahlen und den Bildern aus Gaza jedenfalls sieht man den israelischen Selbstverteidigungsimpuls nicht mehr an. Aus diesem gefühlten Missverhältnis erwächst in Deutschland keine antisemitische Stimmung. Eher Entfremdung und Defätismus gegenüber der israelischen Politik.

In ihrer Sommer-Pressekonferenz hat sich die Kanzlerin auch wieder zur "Zwei-Staaten-Lösung" bekannt. Sie ist seit vielen Jahren die Chiffre für einen Zustand, in dem nicht mehr länger Terror und Vergeltung das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern bestimmen. Doch wie Israels "Recht auf Verteidigung" im Lichte der Brutalität der Militärintervention etwas Formelhaftes annimmt, so ergeht es inzwischen auch der Zwei-Staaten-Lösung im Licht der israelischen Politik.