Vor drei Jahren machte sich der britische Sender BBC in einer ganzen Reihe von Sketchen über Beyoncé Knowles lustig. Der Gag bestand darin, die Königin des zeitgenössischen R 'n' B im Alltag zu zeigen. Dabei wurde sie bei banalen Tätigkeiten wie dem Zähneputzen oder Einkaufen von Tänzerinnen begleitet, die jede ihrer Bewegungen in perfekter Choreografie spiegelten. Eine dieser Tänzerinnen war Tahliah Barnett aus dem provinziellen Gloucestershire im englischen Südwesten. Unter dem Namen FKA Twigs führt die 26-Jährige nun einen avantgardistischen R 'n' B vor, gegen den der von Beyoncé repräsentierte Mainstream des Genres abgestanden wirkt.

"Twigs" (Zweige) nennt sich Barnett, weil ihre Gelenke beim Aufwärmen immer so knacken, und "FKA" (formerly known as), weil ein anderer Künstler das "Twigs" für sich beanspruchte, bevor es mit ihrer Karriere richtig losging. Was so lange noch nicht her ist. Erst 2012 veröffentlichte Barnett ihre erste und 2013 ihre zweite EP, angereicherte Singles (extended play), die sie schön und sachlich EP1 und EP2 betitelte. Wobei es nicht nur an der Musik liegt, dass ihr long play-Album LP1 schon jetzt als mittlere Sensation gefeiert wird. Im Pop ist der optische dem musikalischen Eindruck vorgelagert. Entsprechend ambitioniert und verrätselt wurde die Ikonografie angelegt, der sich die Tochter eines Jamaikaners und einer Spanierin bedient. Ihr zierlicher Körper ist der einer gelernten Ballerina, ihre hohe Stirn und die aufgeworfenen Lippen bedienen ein kindchenschematisches Idealbild zwischen der Ethnofolklore einer M.I.A. und dem strengen Ästhetizismus einer Björk. Der grafische Selbstentwurf ist so stark, dass Konzertbesucher irritiert sind, dort oben auf der Bühne eine eher linkische junge Frau zu erleben.

In ihren Videos dagegen spielt FKA Twigs selbstbestimmt und subversiv mit dem sozialen Geschlecht und dem Archetyp der Diva im Pop. Sie schlüpft wie in einen Handschuh in jede nur denkbare Rolle, die eine Frau in dieser von Männern für überwiegend männliche Kunden produzierenden Industrie einnehmen kann – und führt diese Rolle durch Übertreibung gezielt ad absurdum.

Mal erscheint die Künstlerin überlebensgroß und unnahbar glänzend auf einem Thron, würdig und furchterregend wie eine babylonische Göttin. Mal demoliert sie als gepierctes Mädchen aus dem Ghetto ein Auto mit dem Hammer. Ein weiterer Clip zeigt sie in einem fragwürdigen erotischen Ringkampf mit einem muskulösen Mann, der das Innere ihres Mundes mit seinen Fingern erkundet. Das Video zu Water Me konzentriert sich ganz auf ihr bewegungsloses Gesicht, in dem die Augen unmerklich auf die Größe von Mandarinen anschwellen, während in Hide ihr nackter Torso im Schritt nur von einer knallroten Flamingoblume mit phallisch aufragendem Stempel bedeckt ist, den sie wie suchend betastet. Es wirkt wie das versuchsweise Ausstellen eines gemischtgeschlechtlichen Genitals, ein Vorschlag zur Güte in der Gender-Debatte.

Ähnlich absichtsvoll verstörend ist auch die Musik auf LP1. Das einzige organische Element hier ist der ätherische Sopran, in dem FKA Twigs ihren Soul zum Vortrag bringt. Viel Hauch, viel Hall, viele Schluchzer, viel rhythmisches Atmen, als wäre sie bei Kate Bush in die Schule gegangen. Alle Harmonien entfalten sich wie in Zeitlupe zu mäandernden Operetten der Innerlichkeit.

Melodisch sind hier sehr weite Bögen gespannt, die das Gewicht der Kompositionen auch deshalb aushalten, weil sie nicht allzu schwer daran zu tragen haben. Die Texte werden dem Genre leider ebenfalls allzu gerecht, es geht ausnahmslos um Erfüllung und Zurückweisung beim Aushandeln der körperlichen Liebe. Was diese Musik wirklich hörenswert macht und den Durchschnitt überragen lässt, das hat ihr Produzent Alejandro Ghersi beigesteuert.