"Alle Jahre wieder / naht die Festspielzeit": In Salzburg rollt die Mozartkugel bereits, in Bregenz feiert Intendant David Pountney seit heute seine letzte Saison, und auch in Bayreuth lassen sie langsam, quietsch, knirsch, die Zugbrücke herunter – am Freitag ist Eröffnung, mit Tannhäuser. WIE, WAS? ZUGBRÜCKE?? Waren die seligen Zeiten, da sich das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in eine ganzjährige Festung verwandelt hatte, nicht seit 2008 vorbei, als Wolfgang Wagner, Richards rührigster Enkel, der letzte der Theatertribunen, das Zepter oberfränkisch-schlaumeierisch an seine beiden Töchter Eva und Katharina weiterreichte? Sollte in der Wagnerei nicht alles anders geworden sein, demokratisch transparent sozusagen, mit Aufpassern, die noch den letzten Bleistiftstummel, der zur Erfüllung des Kunstauftrags benötigt wurde, im Sinne der Nation legitimierten? Die Strukturen der Festspiele mögen jedem Stadttheater zur Ehre gereichen. Am Geist des Hauses aber, am Familiengezänk und daran, dass immer einer oben auf der Zinne steht und mit faulen Eiern wirft, können auch sie nicht rütteln.

Diesen Sommer gibt Frank Castorf den Stänkerer, Intendant der Berliner Volksbühne und Regisseur des mäßig jubelprovozierenden Bayreuther Jubiläums-Rings aus dem vergangenen Jahr. In einem dreiseitigen Spiegel-Interview klagt er, die Finanzen der Festspiele seien zur "Karikatur geschrumpft" und die Werkstatt Bayreuth sei ein Witz, den Darsteller des Alberich habe man ihm böswillig entwendet und durch einen Schönsänger ersetzt, überhaupt befinde sich der "Gleichklang" auf dem Vormarsch – und es herrschten "Angst, Vorsicht, vorauseilender Gehorsam". Wie früher im Osten! Trotz zweier Festspielleiterinnen!! Oder ihretwegen? Eva Wagner-Pasquier, die ältere, wird von 2016 an nur mehr lose beratend für die Festspiele tätig sein, angeblich auf eigenen Wunsch; Katharina hingegen, die jüngere und Vater Wolfgangs Augenstern, hat ihren Vertrag gerade bis 2020 verlängert. Dass die beiden Damen sich nie sonderlich schwesterlich gesinnt waren, gehört zu den am schlechtesten gehüteten Geheimnissen des Hügels. Frank Castorf dürfte die dynastische Ranküne wurst sein. Zusammen mit seinem Rechtsbeistand Gregor Gysi überlegt er gerade, die Festspielleitung zu verklagen. Auf was genau, kommt im Spiegel nicht raus. Wahrscheinlich auf die Freiheit der Kunst. Oder auf das Recht des Volksbühnenintendanten auf Randale, denn: "Durch die Explosion, durch das Auseinanderbersten der einzelnen Teile, erzielt man ein Ergebnis, über das man am Ende erstaunt ist." Womit er rituell recht haben dürfte.