Das junge Mädchen hat die Augen geschlossen und die Fäuste geballt. Das halblange Haar umweht die Stirn wie ein Strahlenkranz, die heftige Kopfbewegung eingefroren zwischen dem im Sekundenbruchteil schnappenden Verschluss eines Kameraobjektivs. Rings um sie herum sind Gleichaltrige in ähnlichen Posen der Verzückung erstarrt, mit weit aufgerissenen Mündern und entgleisten Gesichtszügen. Fast meint man die Schreie zu hören, aber das Medium Zeitung ist stumm. Der Sound zu den Fotos, die im Jahr 1964 die Blätter und Magazine füllten, gellte als schrilles Kreischen durch die Fernseh- und Rundfunksendungen. Aufgenommen wurde er auf Konzerten einer noch jungen Band, die in jenem Jahr international die Hitparaden anführte.

Doch die Beatles waren mehr als ein bloßes Pop-Ereignis: Die schlagartige Bekanntheit der Band löste eine gesellschaftliche Debatte aus, rief wissenschaftliche Kontroversen und sogar politische Verwicklungen hervor. Unter dem Schlagwort "Beatlemania" diskutierte man nicht nur über die vermeintlich enthemmende Wirkung von Popmusik. Betrachtet man die Spuren, die das Phänomen in Presse, Wissenschaft und Botschaftsarchiven hinterließ, durch die Lupe des jüngeren Ansatzes der Emotionsgeschichte, so zeigt sich, dass damals auch die Gefühlswelt und die Sexualität junger Mädchen neu verhandelt wurden.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Debatte mit dem Beginn der ersten Beatles-Tournee in die USA vor genau 50 Jahren. Begonnen hatte sie schon im Vorjahr in England: Als im Oktober 1963 im Londoner West End eine Folge der Fernsehshow Sunday Night at the London Palladium aufgezeichnet wurde, versammelten sich spontan so viele Fans vor dem Theater, dass der Verkehr auf der Oxford Street zeitweise zum Erliegen kam. Die Mehrheit der jungen Menschen war ausschließlich wegen der Boy-Band aus Liverpool zugegen, woran die lautstarken Sprechchöre keinen Zweifel ließen. Als die Londoner Polizei eingriff, filmten Fernsehkameras die ersten Bilder der kollektiven Verzückung. Am Folgetag füllten sie unter der Überschrift "Beatlemania" die Zeitungsspalten der britischen Boulevardpresse. Vom "Beatles-Fieber" war die Rede, das über England hereingebrochen sei "wie eine mittelalterliche Seuche". Die "furchterregenden Symptome" der Beatles-Krankheit seien "Augenrollen, Gliederzucken und Schreien".

Frauen kippen in Ohnmacht und balgen sich um Souvenirs

Die Begriffsschöpfung war kein Neologismus, sondern offenbarte ein bemerkenswert langes kulturelles Gedächtnis. Die Beatle-Manie spielte auf die "Lisztomanie" aus dem frühen 19. Jahrhundert an. Der junge Pianist Franz Liszt hatte damals das Virtuosenkonzert mitbegründet, das sich von den Konventionen jener Jahre deutlich abhob: Die Zeitungen hatten die ungewöhnlich langen Haare und den als exaltiert geltenden Vortragsstil verhöhnt, vor allem aber jene weiblichen Fans verspottet, die dem Star auf "manische" Weise verfallen seien. Junge Frauen kippten in Ohnmacht, aus der sie mit Riechsalz wiedererweckt werden mussten, und balgten sich um Souvenirs wie das Wasserglas des Stars.

Mit dem Begriff der Manie war schon damals eine Psychopathologisierung des Fantums einhergegangen, die nun wieder auflebte, auch in Deutschland. Die Westdeutsche Allgemeine rief die "Käferplage" aus, bei der "brave Mädchen zu Hyänen werden", und der Kölner Stadt-Anzeiger spekulierte: "Auch die deutschen sollen bald zittern und zucken." Bevor es dazu kam, sollte sich diese Prophezeiung zunächst auf der anderen Seite des Atlantiks erfüllen, denn die erste USA-Tournee der Beatles schien die Reaktionen der britischen Fans noch zu übertreffen.

Als John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr in New York amerikanischen Boden betraten, belagerten 5.000 Fans den Flugplatz und Hunderte das Hotel. Ihren Fernsehauftritt in der Ed Sullivan Show sahen rund 73 Millionen Amerikaner. Die USA-Tournee der Beatles geriet damit zum Ausdruck dessen, was amerikanische Medien bald die "British invasion" nannten. Gegenstand der Berichterstattung war dabei weniger die Musik der Briten als vielmehr der Sound, den das internationale Publikum selbst erzeugte: Nicht nur Konzerte, auch die Kinovorstellungen mit den Musikfilmen der Beatles wurden von schrillem Kreischen übertönt.

Das Phänomen war in den USA nicht gänzlich neu. Schon 1956 erschienen anlässlich von Elvis-Konzerten Berichte über "enthemmte, weinende Mittelklasse-Mädchen". Noch früher war es bei Konzerten von Entertainern wie Frank Sinatra oder Schlagersängern wie Pat Boone zu grenzwertigen Szenen gekommen, bei denen junge Mädchen schrien und zur Bühne stürmten. Doch hatten junge Elvis-Fans oft noch diszipliniert Schlange gestanden, um einen Seidenschal ihres Idols entgegenzunehmen. Nun glaubte man, die durchdrehenden Jugendlichen mit einem massiven Sicherheitsaufgebot und restriktiven Polizeimaßnahmen in ihre Schranken weisen zu müssen.

Fans sollten still sitzen und zuhören

Beim Beatles-Konzert in Atlantic City säumten 100 uniformierte Wachmänner, 287 Ordner und 187 Polizeibeamte die Reihen der Convention Hall. Sanitäter hielten Ammoniak zur Wiederbelebung bereit. In New York City wurde riot police gegen die Fans aufgeboten: Eigens mit Ohrstöpseln ausgerüstete Beamte patrouillierten durch die Gänge der Carnegie Hall, um umherlaufende Fans auf ihre Plätze zu verweisen, denn nach gängigen Vorstellungen musste das Konzertpublikum still sitzen.

Immer wieder kam es während der Tournee zu Rangeleien und Festnahmen. In San Francisco versammelten sich 9.000 Fans auf dem Flugplatz. In Denver wurden mehrere Mädchen von einer Menschenmenge niedergetrampelt. In Houston enterten Fans die Tragflächen des Flugzeuges, das die Beatles ausfliegen sollte, und in Milwaukee stürmten 100 Teenager einem landenden Flugzeug auf der Rollbahn entgegen.