Fliegen, das ist Sitzen unter einem Flügel, im Rücken den Motor, nichts trennt von den Wolken, der Sonne, dem zerrenden Wind, keine Scheibe, keine Kanzel. "Fliegen ist einfach", schreit Jarda Patek. Er nimmt die Hände vom Steuerbügel des motorisierten Hängegleiters und wirft die Arme über den Kopf, jubelnd, lachend, sieh her, es geht auch ohne, einfach so, und für einen Moment fliegen wir führungslos über das nordmährische Hügelland. Jarda Patek, 62, den alle nur Harry nennen, singt, er packt meine Hände, legt sie an den Steuerbügel. Ich erstarre, bewege ihn nicht, in mir ist nur noch Panik.

Dabei hatte Harry mir vor dem Start minutiös erklärt, worauf es ankommt. Wir saßen auf einer buckligen Wiese unweit von Frýdlant, einer beschaulichen Kleinstadt, in der ich Harry kennengelernt hatte. Die Sonne schien, der Wind war lau. Die Wiese war die Flugpiste und ein blecherner Schuppen der Hangar. "Du steuerst wie beim Segeln", hatte Harry erklärt. Bügel nach links, und die Maschine macht eine Rechtskurve; und umgekehrt. Drückt man die Stange nach vorne, verliert der Gleiter an Tempo, zieht man sie zu sich heran, steigt er.

Harry, von Beruf Elektriker, holte aus: Aerodynamik, Thermik, immer die Geschwindigkeit halten und auf Haufenwolken achten, sie bedeuten Aufwind. Zerstreut lauschte ich, ohne genau hinzuhören. Ich war gebannt von den Männern, die, knatternde Zweitakter um den Leib geschnallt, über die Wiese liefen und hektisch an Leinen zogen, bis sich ihre Schirme aufrichteten und sie eiernd emporstiegen wie die Samen eines Löwenzahns. Ich staunte über so viel Tatendrang. Ich staunte seit Tagen. Hier in den Beskiden, einem Mittelgebirge an der tschechisch-slowakischen Grenze, schien jeder unterwegs zu sein, naturbegeistert, sportverrückt, extrem. Im Wald campierten Scouts mit Tarnanzügen. Kanuten mit Cowboyhüten paddelten über die Flüsse wie Trapper auf dem Klondike. Und nun kreisten über uns Männer mit dröhnenden Gestellen.

Harrys Fluggerät wirkt gegen die wie eine Cessna. Das Aluminiumgestell sitzt auf drei Rädern, hat Flügel, Motor, Propeller, einen Doppelsitz, darunter der Fallschirm. Es ist sein sechster Eigenbau, Harry ist Vollbluttüftler. Sein Lehrer war die realsozialistische Mangelwirtschaft. Er schweißte Aluminiumrohre zusammen, nähte aus Gewächshausfolien die Bespannung und montierte sie an die Flügel. Dazu ein Trabantmotor – fertig war der Hängegleiter.

Ein Heißluftballon steigt unter uns auf. Sofort übernimmt Harry das Kommando, bewegt den Bügel hin und her wie einen Mixer im Teig, wir fallen, umkreisen den Ballon. Unter uns Wälder, Wiesen, Bauernhöfe, in der Abendsonne golden schimmernde Seen und baumbestandene Felder. Ein in allen Grüntönen leuchtendes Mosaik, aus dem die Beskiden ragen, die Gipfel unspektakulär und mythengetränkt, die Täler sanft, durchschnitten von Flüssen.

Doch um zu verstehen, warum die Beskiden so großartig sind und warum ihnen so viel Abenteurergeist entspringt, sollte man sich im Kleinen umsehen. Etwa zwischen dem Radhošť, einem lang gestreckten Bergrücken, und dem Lysá Hora, dem höchsten Gipfel. Zwei Tage lang will ich hier wandern, insgesamt 35 Kilometer. Hinter Trojanovice, einem verschlafenen Dörfchen, führen etliche Wege über Stock und Stein, durch Büsche und Wald steil hinauf zum Radhošť. Ich stiefle hinauf und bin, es ist Sonntag, bald umgeben von Rentnern, Familien und Jugendlichen, auf den Rücken turmhohe Rucksäcke, als brächen sie zum Nanga Parbat auf. Sogar Scouts in blauen Kniestrümpfen sind unterwegs. Mit seinen 1.100 Metern ist der Radhošť zwar ein Zwerg, doch die tschechische Unabhängigkeitsbewegung des 19. Jahrhunderts verklärte ihn zum heiligen Berg der Slawen. Für die Grundsteinlegung des Prager Nationaltheaters wurde deshalb eigens ein Felsen vom Radhošť zum Bauplatz transportiert. Historisch gesehen, zählt Radhošť also zu den Großen; und so herrscht auch heute ein kollektives Schwitzen und Schnaufen an seinen Hängen.

Nur Besucher aus dem Westen trifft man selten. Manchmal begegnet man im Tal Touristen aus Ostdeutschland. Sie schlendern über von Laubengängen umrahmte Marktplätze, fotografieren das Geburtshaus Sigmund Freuds in Příbor. Sie reisen auf den Spuren jener Zeit, als es die DDR noch gab und sie mit ihren Eltern hier den Urlaub verbrachten. Aber sonst? Zu unbekannt sind die Beskiden, zu nah liegt die Idylle am mährischen Kohlerevier: Mit jedem Schritt auf den Radhošť öffnet sich der Blick auf das Ostravaer Becken, wo Schornsteine aus dem Dunst ragen, als sei die Erde ein borstiges Stacheltier.

Schon im Mittelalter qualmten Schlote rund um die Beskiden. Alles, was zur Verhüttung nötig ist, lag vor der Haustür: Wasser, Holz, Erz. Hammerwerke liefen auf Hochtouren in Staré Hamry und Frenštát. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Mähren eine Markgrafschaft der Habsburger Krone war, stampften Wiener Bankiers und Bischöfe aus Olomouc Berg- und Hüttenwerke aus dem Boden, verwandelten Kartoffeläcker in die Städte Frýdlant und Vítkovice. Als man im Ostravaer Becken, 30 Kilometer von den Beskiden entfernt, Steinkohle fand, erwuchsen dort die größten Eisenwerke des Habsburgerreiches. Über eine Bahnstrecke wurde die Region an Wien und Krakau angeschlossen. Die Industrialisierung zog Arbeiter aus ganz Mähren, Galizien und Schlesien in das wachsende Ballungszentrum. Und weckte bald Sehnsüchte nach Naturidylle jenseits von Arbeitersiedlungen, Gestank und Schmutz. Die Beskiden wurden das Erholungsgebiet Mährens. Wandertourismus hatte Hochkonjunktur, Luftkurorte entstanden. Bis aus Wien reisten Gäste an, um an heilbringender Molke zu nippen.

Schweißgebadet erreiche ich die Spitze des Radhošť, eine lang gestreckte Wiese, auf der Ausflügler sitzen und mit einem Bier in der Hand in die Täler blicken. So kann man eine Wanderung auch genießen, denke ich und schlendere weiter über den Kamm. Ein Spaziergang durch ein Spalier aus Tannen und Heidelbeersträuchern. Jogger, Mountainbiker und Wanderer strömen mir entgegen.