Oussama Assaf, Arbeiter bei Cuevas Bio, steht auf einem Feld und schneidet Biogemüse, das unter anderem in der deutschen Biosupermarktkette denn’s verkauft wird. Deren Kunden dürften allerdings wenig Ahnung davon haben, unter welchen Bedingungen Oussama Assaf seine Arbeit tut.

Die Landwirtschaft ist Andalusiens Haupteinnahmequelle, der Bioanbau boomt. Einer der Gründe für den Erfolg sind die Zehntausende Menschen, die aus Marokko und anderen Ländern kommen und für Niedriglöhne schuften. Auch Assaf hoffte, hier ein besseres Leben zu finden. Doch schon nach kurzer Zeit war er ernüchtert. Was Assaf zu erzählen hat, ist so brisant, dass er seinen echten Namen geheim halten möchte.

Mit 130 Filialen betreibt denn’s die meisten Biosupermärkte in Deutschland. Die Website des Unternehmens beschrieb noch bis vor Kurzem die liebevolle Pflege der Felder von Cuevas’ Biofarm und die Arbeit ihres Besitzers, des "Öko-Pioniers" Baltasar Viudez. Im Sommer zur Melonen-Haupterntezeit "streifen die Mitarbeiter jeden Morgen durch die Felder und ernten die reifen Exemplare". Assaf ist seit Jahren dabei, wenn die Früchte ihre dunkelgrüne Farbe annehmen. Doch mit liebevollem Umherstreifen hat die Arbeit wenig zu tun.

"Am härtesten ist es im Sommer in den Gewächshäusern", sagt Assaf und deutet zum Feldrand. 200 Meter lang ziehen sich graue, schwere Plastikplanen über ein Stützgerüst. Darunter steigen die Temperaturen im Sommer auf bis zu 45 Grad. In drückender Luftfeuchtigkeit müssen die Männer Pflanzen beschneiden, ernten und Kisten schleppen. "Wenn du fünf Minuten rausgehst, um etwas Luft zu schnappen, und der Boss dich sieht, zieht er dir eine Stunde vom Lohn ab", sagt Assaf. Berichte wie diese gibt es viele. Sie widersprechen der Branchen-PR vom respektvollen Umgang mit Natur und Mensch, für die auch der Bioverband Naturland steht, der Cuevas Bio zertifiziert.

"Von Anfang an haben wir mit Fairhandelsgesellschaften zusammengearbeitet", sagt Markus Fadl, Sprecher des Verbands. Diese Kooperationen führten 2005 dazu, dass Naturland Sozialstandards als Teil seiner Zertifizierung verbindlich festschrieb. Die Standards sehen vor, dass die Arbeiter geregelte Arbeitszeiten, Anspruch auf Pausen, Urlaub und Überstundenabgeltung haben. Außerdem muss der gesetzliche Mindestlohn gezahlt und den Arbeitern Zugang zu gewerkschaftlicher Vertretung zugesichert werden.

Assaf hat von alldem noch nie gehört. "Wir sind letztens zu unserem Boss Baltasar gegangen und haben das Gespräch gesucht. Wir haben seit Jahren keinen einzigen Urlaubstag gehabt. Darüber wollten wir uns beschweren", sagt er, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. "Er entgegnete einfach: Denkst du, die Pflanzen warten, bis du aus deinem Urlaub zurückkommst?" Assaf und die anderen arbeiten seit Jahren bei dem Betrieb und haben dementsprechend gesetzlichen Anspruch auf Festanstellung und Urlaub. Stattdessen erhalten sie Jahr für Jahr neue Saisonverträge. Und das, obwohl sie ganzjährig arbeiten. Diese Saisonverträge sollen Farmbesitzern in der Hochsaison Flexibilität bieten. Doch bei Cuevas Bio werden sie genutzt, um Arbeitnehmerrechte zu unterlaufen. "Wir kriegen nur acht Stunden täglich bezahlt, dabei arbeiten wir oft mehr als zehn Stunden. In der Haupterntezeit sind es bis zu 14 Stunden", sagt Assaf. Die Stundenlöhne sinken so von den vorgeschriebenen 5,80 Euro auf 3 bis 4 Euro. Assafs Chef Baltasar Viudez weist all diese Vorwürfe zurück.

Durch die ZEIT mit den Recherchen konfrontiert, führte Naturland eine außerordentliche Überprüfung durch. In einer Stellungnahme gibt der Verband zu, dass einige Arbeiter "durch längere Betriebszugehörigkeit möglicherweise ein Recht auf Festanstellung erworben haben". Systematisch sei dieses Problem jedoch nicht. Auch das Problem unbezahlter Überstunden konnte bei der Überprüfung der Bücher nicht festgestellt werden. Die Arbeitszeiten der Beschäftigten würden täglich in Listen erfasst und von den Arbeitern gegengezeichnet. Dass die Arbeiter solche Listen unterschreiben, wundert Gewerkschafterin Mbarka El Goual Maazouzi nicht. Sie arbeitet für das Sindicato de Obreros del Campo (SOC), eine Gewerkschaft für Arbeitsmigranten. "Die Arbeiter würden nicht widersprechen, denn sie haben Angst, ihren Job zu verlieren."

Assaf weiß, wie leicht er zu ersetzen ist. Es gibt Tausende Migranten in der Region, die einen Job suchen. Ohne Einkommen sind viele auf die Essenspakete vom Roten Kreuz angewiesen, leben in kleinen Bretterbuden, ohne Strom und Wasser. Assaf und seine Kollegen tun alles, um diesem Schicksal zu entgehen.

Naturland verweist darauf, dass Cuevas Bio in der Ökobranche einen guten Ruf genießt. In jüngster Zeit hätten sechs Mitarbeiter mithilfe einer Gewerkschaft ihre vertraglichen Rechte durchgesetzt. Dennoch hat Assaf Angst, dass ein Vorgesetzter ihn mit einem Fremden sieht.