In den vergangenen Monaten ging es immer wieder um Gras: In Berlin will die Bürgermeisterin von Kreuzberg einen Coffeeshop eröffnen, in Colorado freuen sich die frisch lizenzierten Hanfbauern über ihr Geschäft. An diesem Dienstag kam eine Überraschung dazu: Das Verwaltungsgericht in Köln hat drei schwer kranken Klägern recht gegeben, die für ihre Behandlung selbst Hanf anbauen wollen. Ist Kiffen jetzt etwa erlaubt? Nein, das ist es nicht.

Die Betroffenen, die vor Gericht gingen, leiden unter multipler Sklerose, chronischen Schmerzen und der Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Sie dürfen bereits Hanfblüten in der Apotheke kaufen, weil die ihre Leiden lindern. In ganz Deutschland ist das weniger als 300 Menschen erlaubt. Cannabis fällt unter das Betäubungsmittelgesetz und darf nur in Ausnahmefällen gekauft werden. Weitere 3500 Patienten bekommen chemisch hergestellte, cannabishaltige Medikamente auf Rezept.

Cannabis kann abhängig machen und Psychosen begünstigen. In bestimmten Fällen sind die Vorzüge aber größer als die Nebenwirkungen: Studien haben gezeigt, dass sein Wirkstoff den Appetit von Aids- oder Krebspatienten anregen kann oder Spastiken lindert, die bei multipler Sklerose auftreten. Doch diese wissenschaftlichen Abwägungen werden häufig von der hoch emotionalen Debatte um Drogensucht, Jugendschutz und Kriminalität überlagert.

Gras? Das rauchen doch bloß träge Teenager, die ihre Gesundheit für ein bisschen Rausch opfern! Falsch. Manche Menschen rauchen eben auch Joints, essen Haschkekse oder trinken Hanftee, um Leiden zu lindern.

Das Kölner Urteil wird ihnen hoffentlich das Leben leichter machen. Das Gericht hat den drei Klägern erlaubt, Hanf selbst anzubauen, wenn er an einem Ort gezogen wird, zu dem Fremde keinen Zugang haben. Außerdem mussten die Kläger beweisen, dass sie keine bezahlbaren Alternativen zum Eigenanbau haben. Im konkreten Fall liegt der Bedarf bei mehreren Hundert Euro monatlich und wird nicht von der gesetzlichen Krankenkasse finanziert.

Das Kölner Urteil fällt in eine Reihe von Gerichtsbeschlüssen, die die Nutzung von medizinischem Cannabis schrittweise liberalisieren. Im Jahr 2000 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass Schwerkranke grundsätzlich beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Sondererlaubnis beantragen dürfen. 2007 konnte die erste MS-Patientin Cannabis für ihre Therapie verwenden. Immer wieder haben Schwerkranke seither versucht, eine Genehmigung für den Eigenanbau einzuklagen.

Nun soll das BfArM die drei Fälle von Köln neu prüfen. Wahrscheinlich wird die Behörde gegen dieses Urteil in Berufung gehen. Sie untersteht dem Gesundheitsministerium und damit der Weisung, Eigenanbau abzulehnen. Dahinter steckt die Befürchtung, dass auf drei Fälle unzählige folgen könnten. Dass in Deutschland ein unkontrollierbarer Cannabismarkt gedeihen und Dealer unter dem Vorwand der Medizin Gras als Rauschmittel verkaufen könnten.