Es gibt diese eine abgelegene Notiz, die robust mitteilt, dass sie tatsächlich mit ihm geschlafen habe, ja. Französisch: coucher avec Schiller. Genauer: Die verheiratete Caroline von Beulwitz war mit dem Dichter der Räuber und von Kabale und Liebe, Friedrich Schiller, dem Mann ihrer Schwester Charlotte, im Bett. Das hat Alexander von Humboldt gewusst und einmal Varnhagen von Ense erzählt, wie die Giganten der aufgeklärten deutschen Geistesgeschichte der Goethezeit ja überhaupt ziemlich viel beim Tee oder Wein miteinander geredet haben, und Varnhagen hat es am 9. April 1847 notiert. Da waren alle Beteiligten lange tot: Friedrich Schiller und die beiden Schwestern, die er liebte, die ihn liebten, die einander liebten – Caroline, geborene Lengefeld, geschiedene Beulwitz, seit 1795 verheiratete Wolzogen, Mutter eines wohl unehelichen Kindes, vielleicht von Schiller. Und Charlotte Schiller, seit 1790 verheiratet mit dem Dichter, Mutter von vier gemeinsamen Kindern.

Von dieser Dreiecksgeschichte, die im Sommer 1788 im thüringischen Rudolstadt begann, handelt Dominik Grafs neuer Film Die geliebten Schwestern. Was in dieser Ménage-à-trois wirklich geschah? Nicht wichtig. Kaum etwas trägt weniger dazu bei, den ergreifendsten Film des Sommers zu würdigen, als die Frage nach den sexuellen Tatsachen.

Denn Dominik Graf, der 1988 auf stilbildende Weise Götz George und Gudrun Landgrebe in dem Thriller Die Katze inszenierte, der im deutschen Fernsehen den Polizeifilm neu erfand und der mit der Serie Im Angesicht des Verbrechens TV-Geschichte schrieb, erzählt nicht bloß den historischen Stoff einer einzigartigen Dreiecksgeschichte – er erfindet sie. Das ist angreifbar: Graf bringt uns mit den Bildern dieses Films nahe, wie wir das Leben des Klassikers Schiller sehen könnten, wenn man ihn von allem Ballast befreite: als ein Leben zu dritt für die Kunst, für die Revolution der Verhältnisse mithilfe der Imagination, nur durch Sprache erlebbar, angetrieben und getragen von der erst zu erfindenden modernen Liebe, die sich die Freiheit nimmt, die sie braucht. Graf zeigt, wie lebendig Figuren sein können, die doch radikal der Vergangenheit angehören.

Die Quellen sind lückenhaft, Caroline von Wolzogen hat die meisten Briefe vernichtet, und die Intimität der Liebe kennt um 1790 noch eine heute unvorstellbare Diskretion. Auch in Grafs Regie herrscht Diskretion, die Einstellungen distanzieren das Geschehen: Seine Kamera reist zwischen den Liebenden hin und her wie deren Briefe, dann ruht sie wie distanzlos auf dem Bild eines Augenblicks, dann wieder lässt sie die drei aus dem Abstand die Vorgänge selbst kommentieren. Und sie folgt den Dienstboten: Es sind die illiteraten Domestiken, die in den nächtlichen Fluren der thüringischen Schlösser am meisten ahnen und sehen und beschweigen. Aber sie schreiben nichts auf, was der Quellenkritik standhält, und ohne Schrift, ohne Sprache gibt’s keinen Beweis.

Ein historisches Abbild der Wirklichkeit kann dieser Film mithin nicht sein, aber vor allem will er es nicht sein. Ostentativ hält die Kamera in einer Schlussszene ein Briefchen Schillers in der Großaufnahme fest, das wohl im September 1788 – nach einer kurzen Liebesnacht erst über den Manuskripten, alsdann auch im Bett – der geliebten Caroline beteuert: "Heute Nacht oder vielmehr heute Morgen war ich nicht Herr meines Tuns ... ich werde mich nachher zu Ihnen wegzustehlen versuchen". Dominik Grafs Erzählerstimme im Off sagt dazu: Dies Zettelchen ist das einzig erhaltene Dokument. Das stimmt natürlich nicht. Jedem Zuschauer kann der Weg in die nächste Stadtbibliothek erweisen, dass es in den Brief- und Nachlasseditionen Aberhunderte Seiten an Dokumenten gibt.

Aber die Kunst verfährt mit den Quellen, wie sie will. Weil es ihr um die Lebendigkeit geht: Graf gibt den Figuren eine verblüffend gegenwärtige Sprache, das geht also, er hat Schillers Briefe neu geschrieben, umgeschrieben, und ein paar biografisch entscheidende übergeht er. Um einen beträchtlichen Preis: Etwa der legendäre Werbungsbrief vom 15. November 1789, der im 19. Jahrhundert zu einer Säule der bildungsbürgerlichen Weiblichkeit deutscher Prägung wird, fehlt bei Graf ganz. Darin erklärt Schiller seine künftige Frau Charlotte zum Objekt: "Mein Geschöpf musst du sein." Der Geist des modernen Subjekts ist männlich, und weiblich ist die von ihm geformte Natur. Die Ehe, die bürgerliche Familie mit ihren Kindern und einer Mutter zu Hause: Das ist schillersch.

Das weiß Graf, aber davon will er nichts wissen, bei ihm herrscht größtmögliche Gleichheit zwischen den dreien. Und so entsteht vor unseren Augen in den weichen Sommerlandschaften der Saale-Auen, im Grünen zwischen Jena und Rudolstadt, die Geschichte einer Liebe in der aufgeklärten Epoche, die der bürgerliche Revolutionär Friedrich Schiller in die höfische Provinz Thüringens trägt. Florian Stetter spielt einen zierlichen jungen Schiller, bettelarm, ungepudert, zerknittert, berückend schön, der 1788 wie die verkörperte Sehnsucht durch Weimars Gassen spaziert. Die Damen am Hof schätzen das: Charlotte von Kalb hält sich den Künstler für Geld als Geliebten. Alles will er, eine freie Welt im Denken und Fühlen, und Graf sieht in dem Gefühlsrevolutionär auch die Komik im Überschuss an Idealität: Schiller kann nicht mal schwimmen, der Gute, und so ertrinkt er fast, als er ein kleines Mädchen aus dem Wasser der Saale zieht. Ein badender Hund schwimmt in aller Ruhe an Land – Natur! –, schüttelt sich, spaziert weiter. Schiller nicht.

Der ist ein Mensch, lehnt – erschöpft, zitternd, nackt und alsbald hustend – an einem Baum, vor den Blicken der Welt geschützt durch die Schwestern, die ihn mit ihren natürlich bekleideten Körpern bedecken und wärmen. Im Gras trocknen die nassen Kleider des Dichters. Schnitt. Dann hat der stets kränkelnde, schließlich todkranke Schiller umgehend Fieber, er liegt im Bett, schweißnass – und schreibt. Er schreibt Briefe an beide Schwestern zugleich, den einen mit der linken Hand, den anderen mit der rechten. Die Betten sind, neben den Saale-Auen und den Schreibtischen, die zentralen Schauplätze dieses Films. Grafs Kameras nimmt sie so diskret, geduldig und stetig in den Blick wie all die unvorstellbar langsamen Kutschfahrten mit ihren brechenden Rädern. Im Bett wird geschrieben, gelitten, geliebt, geboren, gestorben, ein unauflösbarer Zusammenhang der Körpernatur, lustvoll und qualvoll.