Wir wissen nun: Der Importeur von einem der beiden Container, die mit der Buxlink aus Hamburg kamen und noch immer im Hafen von Tema stehen, heißt Sharafa Denn Braimah. Ist er der Mann, der unseren Fernseher in der Hamburger Billstraße gekauft und dann nach Afrika verschifft hat?

Im Internet finden wir den Namen einer Firma in der kleinen Gemeinde Braak in Schleswig-Holstein: Braimatrans, Import und Export von Gebrauchtwagen. Eine Telefonnummer steht nicht dabei.

Wir rufen bei einem anderen Gebrauchtwagenhändler in Braak an. Braimah? "Noch nie gehört", sagt er. Wir probieren es bei den beiden Braimahs, die im Hamburger Raum einen Telefonbucheintrag haben. So stoßen wir auf die Exfrau eines entfernten Cousins von Sharafa Denn Braimah. Sie kann sich an die Namen seiner mittlerweile erwachsenen Töchter erinnern. Wir finden sie bei Facebook, kontaktieren sie. Und bekommen so die Handynummer ihres Vaters.

Eine tiefe Stimme meldet sich. Ja, er habe kürzlich einen Container nach Tema geschickt, sagt Sharafa Denn Braimah. Alles Mögliche sei drin gewesen. "Sofas, Waschmaschinen, Fernseher, Kleidung, alte Schuhe." Er spricht von einem Sammelcontainer. Was das bedeutet? Das sei wie bei einer Mitfahrgelegenheit, sagt Braimah. Einer mietet den Container, die Ware mehrerer anderer Personen fährt mit. Die Fernseher habe einer der "Mitfahrer" gekauft.

Braimah sagt, er sei jetzt 51 und lebe seit 30 Jahren in Deutschland. Bis vor fünf Jahren habe er das Geschäft mit den Gebrauchtwaren professionell betrieben. Aber das sei vorbei. Heute verschiffe er nur noch selten einen Container. "Vielleicht einen im Jahr." Verdient haben will er an dem Container mit unserem Fernseher nichts. "Ein Freundschaftsdienst" sei das gewesen, sagt er.

Die sechste Nacht in Ghana. Früh am Morgen bekommen wir auf einmal ein neues Signal. Der Fernseher hat sich bewegt. Er steht nicht mehr im Hafen von Tema, sondern ist jetzt an der Ecke Abeka Road / George W. Bush Highway in Accra. Das Signal ist sehr stark und präzise, offenbar wurde der Fernseher ausgeladen und steht jetzt unter freiem Himmel.

Als wir die Straßenecke erreichen, wird dort gerade ein Container geleert. Hunderte Fernseher stapeln sich im Schlamm. Unter einem Regenschirm sitzt ein Polizist und beobachtet den Abverkauf. Wir fragen, woher die Ware komme. England. Demnach kann unser Gerät nicht dabei sein.

Wenige Meter weiter aber stehen acht silberne Sony-Geräte neben einer Hauswand. Wir schauen uns die Rückseiten an und entdecken auf einem der Fernseher unsere Markierung. Wir heben ihn hoch, schütteln ihn. Kurz darauf erscheint eine Meldung auf unserem Handy: Das Gerät wurde bewegt.

Wir stellen unseren Fernseher wieder zurück. Wir wollen wissen, wie seine Reise weitergeht.

Noch einmal rufen wir bei der ghanaischen Niederlassung der Spedition Van Uden an. Wir erfahren, dass es tatsächlich Sharafa Denn Braimahs Container war, der in der Nacht das Terminal verlassen hat. Der andere Container steht noch immer dort.

Wenig später beobachten wir aus dem Auto, wie ein Mann unseren Fernseher kauft und ihn auf einen Kleinlaster hebt. Dort stehen schon etwa 20 weitere Geräte. Ein altes Fischernetz hält die Fernseher auf der offenen Ladefläche zusammen. Dann fährt der Mann davon.

Später wird er erzählen, er heiße Naa Sei, sei 27 Jahre alt und besitze einen kleinen Laden gleich um die Ecke, in der Kaneshie-Odorkor Road. Naa Sei hat unseren Fernseher "untested" gekauft, ungeprüft. Er weiß also noch nicht, dass unser Fernseher kaputt ist. Er sagt, er habe 27 Euro für ihn bezahlt.

Auf dem langen Weg vom Schrotthändler in der Hamburger Billstraße zum Zwischenhändler in der Abeka Road in Accra hat sich der Wert unseres Fernsehers also fast versechsfacht. Es ist wie Globalisierung verkehrt: Kakao, Baumwolle, Kaffeebohnen, all das wird von westlichen Unternehmen in Afrika billig eingekauft und mit Gewinn nach Deutschland importiert.

Elektroschrott ist in Deutschland fast wertlos, in Afrika aber kann man damit viel Geld erwirtschaften.

Am Handel mit Kaffee und Baumwolle verdienen Reedereikonzerne und Speditionsunternehmen, er ernährt Hafenarbeiter, Schiffskapitäne und Lastwagenfahrer. Beim Handel mit Elektroschrott ist es ganz ähnlich. Nur dass er zusätzlich auch noch den Herstellern der Fernseher, Computer und Kühlschränke nutzt. Einen Fernseher, der nach Afrika verschifft wird, müssen sie nicht teuer entsorgen. Stattdessen landet er bei einem Händler wie Naa Sei. Es folgt ein Zyklus aus Kaufen und Verkaufen, aus Reparieren und Kaputtgehen. Bis den Fernseher irgendwann auch in Afrika niemand mehr reparieren kann. Dann kommt er nach Agbogbloshie.

Agbogbloshie ist ein Stadtteil von Accra. Der Name ist aber auch ein Synonym für eine der größten Elektroschrott-Halden Afrikas, die in diesem Stadtteil liegt. In Agbogbloshie kommt irgendwann das an, was vom deutschen Elektroschrott übrig ist, wenn er wirklich nur noch das ist: Schrott.

Nach einer Studie des New Yorker Blacksmith Institute gehört Agbogbloshie zu den zehn am meisten verseuchten Orten der Welt, kontaminiert mit großen Mengen an Blei, Cadmium, Quecksilber. Noch vor 15 Jahren war Agbogbloshie ein Brutgebiet für europäische Zugvögel. Heute ist es ein Friedhof für europäische Elektrogeräte.

Und es ist der Arbeitsplatz von Menschen wie Isahak Ivshan.

Er ist 26 Jahre alt, schmal und sehnig und trägt ein gefälschtes Trikot des englischen Vereins Manchester United. Auf der Brust steht eine 7, auf dem Rücken der Name Ronaldo. Es ist ein altes Trikot, der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo spielt seit fünf Jahren in Madrid. Isahak hat seltsame bläulich schimmernde Bläschen auf der Stirn. Wenn er redet, dann tut er das sehr langsam, und es faucht dumpf aus seiner Lunge.

Isahak ist ein Bauernsohn aus einem ghanaischen Dorf an der Grenze zu Burkina Faso. Seine Eltern bauen Yamswurzeln und Mais an. Früher hat die Ernte die Familie ernährt. Aber dann blieb immer öfter der Regen aus, und Isahak Ivshan und seine drei Brüder gingen nach Accra. Jetzt arbeiten sie in Agbogbloshie.