Mit einem Zucken in den Beinen beginnt die Krankheit, die Lea Naaf beinahe umbringt und ihre Mutter fast in den Wahnsinn treibt. Es ist ein Abend im August 2009. Das Haus der Naafs steht in einer ruhigen Reihenhaussiedlung in Norddeutschland. Lea, sieben Jahre alt, liegt auf der Couch im Wohnzimmer. Ihr Gesicht ist maskenhaft, sie starrt auf ihre Beine, die nicht aufhören wollen, krampfartig zu zittern. Ihre Mutter Susanne Naaf findet das merkwürdig, hat aber eine Erklärung: Vor drei Tagen verließ Leas Vater die Familie.

Was die Mutter nicht ahnt, als sie Lea, die in Wirklichkeit anders heißt, ins Bett bringt: Das Zucken ist die Ouvertüre einer Krankheit, die das Gehirn ihrer Tochter befallen hat. Wie ein Chamäleon tarnt sich das Leiden. Es zerrt Lea in eine Welt des Wahnsinns und der Zwänge, in der sie tagelang nicht schlafen kann, fiebert und ausrastet. Über Leas Krankheit hat die Mutter Tagebuch geführt.

23. August 2009: Lea wirkt verstört, fällt dauernd hin, obwohl ich sie an der Hand halte. Nachts wacht sie auf, ist nicht ansprechbar, redet wirr ("Du musst mir noch eine von den blauen Tüten kaufen!"), schreit schrill, bis sie vor Erschöpfung einschläft.

Zwei Monate wird es dauern, bis Ärzte eine Erklärung finden für das, was Susanne Naaf Besessenheit nennt. Fast täglich verschlechtert sich der Zustand. Der Grund: Leas Immunsystem läuft Amok und greift die Zellen ihres Gehirns an. Eine unheimliche Form der Gehirnentzündung wütet in Leas Kopf – eine NMDA-Enzephalitis.

Die Entdeckung des Leidens im Jahr 2005 löste in der Szene der Neurologen, Psychiater und Kinderärzte gespannte Erwartung aus. Die Tatsache, dass bei einer Reihe von scheinbar unheilbaren Psychiatriepatienten plötzlich eine rein körperliche Ursache entdeckt wurde, gilt als erster Beweis für biologische und bislang unbekannte Mechanismen bei der Entstehung von Geisteskrankheiten.

Alle paar Monate identifizieren Mediziner weitere Subtypen der Enzephalitis, die wieder andere Therapieansätze möglich machen. Unter Ärzten und Wissenschaftlern herrscht Einigkeit darüber, dass in den kommenden Jahren weitere Psychosen als körperliche Erkrankungen enttarnt werden dürften. Unter den Ursachen vermuten sie immunologische Prozesse: Entzündungen, Infektionen oder Autoimmunreaktionen. Als Kandidatin, hinter der eine organische Ursache vermutet wird, gilt eine der häufigsten Psychosen: die Schizophrenie.

Als Lea erste Symptome der NMDA-Enzephalitis zeigt, sind den Ärzten erst ein paar Hundert Fälle weltweit bekannt. Niemand weiß genau, woher die Krankheit kommt, wie man sie behandelt – und ob Lea die Attacken ihres Immunsystems überleben wird.

24. August 2009: Muss Lea kurz im Auto lassen, weil sie kaum laufen kann. Bin nach 15 Min. zurück, L. hat ihre Bettdecke auf dem Fußweg ausgebreitet und erklärt: "Ich will mein Kleid kühlen." Nachts total unruhig, ist wirr, verkrampft, schreit und strampelt, schläft immer nur kurz.

Unser Immunsystem verteidigt den Körper gegen Eindringlinge wie ein grimmiger Wachhund. Der beißt instinktiv zu, wenn gefährliche Fremdkörper bekämpft werden müssen. B-Lymphozyten produzieren Antikörper, die Erreger unschädlich machen. Aber was, wenn diese Abwehr falsch programmiert ist? Wenn der Beschützer nicht den Einbrecher, sondern den Postboten anfällt? Gar den Hausherrn? Rheuma, multiple Sklerose und Heuschnupfen sind Beispiele dafür. Im Fall der NMDA-Enzephalitis hält das Immunsystem das eigene Gehirn für den Gegner. Im Extremfall kann es den Menschen töten. Fünf Prozent aller Patienten mit NMDA-Enzephalitis überleben die Krankheit nicht.

3. September 2009: Leas Zustand wechselt zwischen apathisch und besessen, kann manchmal nicht einmal stehen, fällt oft. Nachts kann sie nicht einschlafen, weil ganzer Körper in Bewegung ist, stark zwanghaftes Verhalten. Habe große Angst.