In der ZEITvom 10. Juli forderte der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer, dass man den "Wahn" von der europäischen "Vereinigung" endlich aufgeben und stattdessen "im Überlebensinteresse aller europäischen Nationen" ein "Bündnis" schaffen sollte, das neben dem "ökonomischen" auch das "militärpolitische" Interesse des Kontinents in Rechnung stellte.

Für die Vertretung dieser beiden Interessen gibt es bereits zwei Institutionen: die Europäische Union und die Nato. Auch aus Bohrers nationaler Perspektive gesehen existiert kein Grund, die EU zu zerstören, denn Brüssel ist von dem unterstellten "utopischen" Einigungswahn denkbar weit entfernt. Es handelt sich um eine föderal strukturierte Organisation, in der im Machtdreieck von Kommission, Europäischem Rat und EU-Parlament die nationalen und die gemeinschaftlichen Ziele verhandelt werden. Die EU ist deshalb schon jetzt jenes von Bohrer geforderte "Bündnis", das die wirtschaftliche Integration befördert.

Und nun will ausgerechnet der EU-feindliche Karl Heinz Bohrer ein kontinentales Bündnis aus dem Hut zaubern, das sich auch noch die Aufgabe der militärischen Verteidigung aufbürdet. Gleichzeitig möchte er alle nationalen Empfindlichkeiten, alle kulturellen Differenzen der Mitgliedsstaaten bis in die sprachlichen Unterschiede hinein berücksichtigt wissen. Wie soll das ausgerechnet in einem militärischen Bündnis möglich sein? Die meisten Staaten der EU sind Mitglied des Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses und wollen es bleiben. Sicher könnte man sich eine Europäische Union vorstellen, die auch militärische Kompetenzen besitzt. Solche Innovationen bekommt man aber nicht dadurch hin, dass man, wie Karl Heinz Bohrer es tut, Deutschland auffordert, den "Willen zur Macht" innerhalb der neuen, von ihm inaugurierten Europa-Allianz von Wirtschaft und Militär herauszukehren. Es lässt sich leicht vorstellen, was Frankreich und England, Italien und Spanien davon halten würden.

Auch der intellektuelle Europa-Diskurs wird von Bohrer entstellend zitiert, wenn er behauptet, "Europa" sei ein "seit 150 Jahren etabliertes Phantasma". Man unterscheidet im Europa-Diskurs, der viel älter als 150 Jahre ist, zwischen den institutionellen Plänen einer Föderation und den kulturellen Überlegungen zur kontinentalen Identität. Eine klare Trennung der beiden Varianten hat es nie gegeben. Ideen einer europäischen Wertegemeinschaft standen im Hintergrund der institutionellen Projekte, und Gedanken zur kulturellen Erneuerung kamen nur selten ohne Hinweis auf politisch-föderale Konstrukte aus.

Es waren französische Denker und Praktiker, die den institutionellen Diskurs etablierten. Während und nach großen Kriegen haben sie die Idee föderaler Strukturen in Europa ventiliert, um weitere Verwüstungen zu verhindern. Man denke an den Herzog von Sully (mitten im Dreißigjährigen Krieg), an den Abbé de Saint-Pierre (nach dem Spanischen Erbfolgekrieg), an Jean-Jacques Rousseau (im French and Indian War), an Claude Henri de Saint-Simon (nach den Napoleonischen Feldzügen), an Victor Hugo (nach der 1848er-Revolution). Hugo inspirierte Bertha von Suttner zu Plänen einer europäischen Wirtschaftsunion (nach einer Serie von Kriegen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts), und ihr Schüler Richard Coudenhove-Kalergi setzte den Diskurs mit seinem Buch und der paneuropäischen Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg fort. Die Pläne Coudenhove-Kalergis waren ausgesprochen pragmatisch: Sein Stufenplan sah als realistisches Nahziel die Schaffung einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft vor. Das war für die europäische Rechte bereits ein Sakrileg. Die Gründer der Montanunion und der EWG aber verdankten ihm als Ideengeber viel.

Parallel dazu entwickelte sich seit der Frühromantik ein kultureller Europa-Diskurs, an dem Novalis und Chateaubriand, Giuseppe Mazzini, Adam Mickiewicz und Heinrich Heine beteiligt waren, der aber im 19. Jahrhundert in allen Ländern Europas durch den nationalen Diskurs verdrängt wurde. Erneut belebt wurde er durch Nietzsche, den Vertreter einer militanten Idee des "guten Europäers". Nach den beiden Weltkriegen erfuhr der Diskurs eine Renaissance, was verständlich ist, denn die nationalen Gegensätze hatten Europa materiell und intellektuell nicht nur an, sondern in den Abgrund geführt. Da ist an Namen zu erinnern wie Romain Rolland, Stefan Zweig, Thomas Mann, José Ortega y Gasset, Hugo von Hofmannsthal, André Gide, T. S. Eliot, Ernst Jünger und Reinhold Schneider. In den achtziger Jahren, als die Länder hinter dem Eisernen Vorhang ihre Befreiung von der Sowjetunion unter der Devise "Zurück nach Europa!" vorbereiteten, gab es eine Mitteleuropa-Debatte, die unvergessen bleiben wird und mit Namen wie György Konrád, Milan Kundera und Václav Havel verbunden ist. In den deutschsprachigen Ländern ist an aktuelle und kontroverse Beiträge von Hans Magnus Enzensberger und Peter Schneider aus der Bundesrepublik, Adolf Muschg aus der Schweiz, Barbara Frischmuth und Robert Menasse aus Österreich zu erinnern. Diesen Autoren und Autorinnen kann man nicht vorwerfen, dass ihre Essays Dokumente intellektueller "Einebnungen" und realitätsferner "Utopien" seien.

Wenn man die Quintessenz der vielen Beiträge zusammenfassen will, sind drei Einsichten zu nennen: Erstens wird "Europa" nicht als eine Idee vorgestellt, der ein Alleinvertretungsanspruch zugesprochen würde. Andere kollektive Identitäten wie die der Familie, der Stadt, der Region und der Nation werden in ihren Eigenheiten profiliert. Aber diese Teilidentitäten summieren sich noch nicht zu einer europäischen Identität. Die wird vielmehr in kulturhistorischen Analysen herausgearbeitet als etwas Gemeinsames, an dem die Nationen partizipieren. In Zeiten eines zerstörerischen Nationalismus konnte so – mit Hofmannsthal zu sprechen – an die europäischen "Gemeinbürgschaften" als Voraussetzung einer Politik des Ausgleichs und des Friedens erinnert werden.

Zweitens haben die kontinentalen Gemeinsamkeiten mit kulturellen Institutionen zu tun, die sich im Lauf von Jahrhunderten in Europa durchgesetzt haben und die man vor allem dem griechisch-antiken Erbe verdankt. Ihr dialogisches Zusammenspiel ist eine europäische Besonderheit. Da sind der Tempel, das Theater, die Agora, die Akademie und das Gymnasion. Für diese Institutionen ist seit der Antike die Koexistenz bezeichnend, das heißt, keine von ihnen kann auf Dauer alle anderen dominieren, keine die Fragen der anderen beantworten. Theokratie ist so uneuropäisch wie eine Politik, die nur dem Markt gehorcht, oder eine Universität, die zur ideologischen Indoktrinierung dient.

Drittens gibt es auf dem Kontinent geschichtliche Prägungen, die es in dieser Konstellation in anderen Kulturen nicht gegeben hat, womit Faktisches in Erinnerung gebracht, nicht aber ein Werturteil gefällt wird. Neben der doppelten Antike mit Athen und Rom wirkt auch eine doppelte Religion nach, die christliche, zu deren Grundtexten das jüdische Alte Testament gehört. Zu den historischen Einschnitten, die ganz Europa betreffen, gehört die Akzeptanz des Christentums im Römischen Reich unter Kaiser Konstantin, gehören die Friktionen zwischen Kirche und Staat im Mittelalter, gehört das Auseinanderdriften von lateinischer und orthodoxer Christenheit, zählen die Renaissance und der Humanismus als Wiederentdeckungen der Antike, zählt die jahrhundertelange Konfrontation mit dem Osmanischen Reich, zählen die europäische Kolonisierung ganzer Weltteile sowie der Prozess der Dekolonisierung, gehört die Reformation wie die Gegenreformation, gehören die Bauernkriege und der Dreißigjährige Krieg, zählen die Aufklärung wie die Französische Revolution, die Romantik wie die Restauration und in Reaktion auf Letztere die europäischen Revolutionen von 1830 und 1848. Zu nennen sind fürs 20. Jahrhundert vor allem der Erste und der Zweite Weltkrieg, die beide als europäische Kriege begannen. Zu erinnern ist an den Holocaust als Kulturbruch, an die Teilung des Kontinents nach der Konferenz von Jalta und seine Wiedervereinigung nach dem Fall der Berliner Mauer, woraus sich neue kulturelle Verwerfungen, ökonomische Krisen und politische Konfrontationen ergeben haben.

In zahllosen Essays haben die Intellektuellen des Kontinents über die europäischen Besonderheiten und die Gemeinsamkeiten nachgedacht und oft genug einen politischen, wirtschaftlichen und juristischen Rahmen gefordert, der die Gemeinsamkeit zum Ausdruck bringt und schützt. Insofern ist die Europäische Gemeinschaft mit all ihren Schwächen durchaus ein Ergebnis europäischer Rationalität und Pragmatik. Als solche bedarf sie permanenter Kritik, aber was man nicht braucht, sind leichtfertige Plädoyers für ihre Auflösung, Vorschläge, die zudem so vage sind, dass sie in der Praxis nicht berücksichtigt werden können.