Es gibt in diesem Land nur einen Berufsstand, der nicht korrumpiert, nicht ethisch zweifelhaft ist, sondern so gut wie unfehlbar, weshalb alle in dieser ja mittlerweile so supi entspannten Republik auch ein bisschen auf ihn stolz sein können und vielleicht auch sollten. Nein, es sind jetzt nicht unsere Fußballnationalspieler gemeint, denn die haben sich, indem sie mit einem öffentlichen Tänzchen die Argentinier etwas foppten, als moralische Totalversager entlarvt, um nur das Mindeste zu sagen. Gemeint sind natürlich die Journalisten, die eine derartige Entgleisung als vierte und mit Abstand wichtigste Gewalt des Staates überhaupt erst aufdeckten und zielsicher als das einordneten, was sie war: eine unfassbare, ungeheure, grausame, den Argentiniern gegenüber nie wiedergutzumachende Schandtat. Schon dem Finalsieg haftete etwas Geschmackloses an, da ja gewonnen wurde und es somit einen Verlierer gab, Leid, Trauer und Tränen. Statt, wie es einem Gewinner gut angestanden hätte, selbst zu trauern und zu weinen, wegen der Demütigung, die man angerichtet hatte, wurde sich einfach gefreut. Wären da nicht die wachen Augen der Journalisten zur Stelle gewesen, hätte den Vorgang am Ende niemand als Skandal empfunden – was für ein schrecklicher Gedanke, weg mit ihm!

Dürfen Journalisten auch einmal gereizt sein? Ja, aber sie sind es aufgrund ihrer naturgegebenen Integrität natürlich nur dann, wenn ihnen Uneinsichtigkeit begegnet, wie im Fall des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Der behauptete in einem Interview mit dem Spiegel gerade tatsächlich, er sei von den Medien vor einiger Zeit zu harsch und mit einer übertriebenen Verfolgungslust angegangen worden. Und er wies, der Gipfel der Hybris, auch noch darauf hin, erleichtert darüber zu sein, von den vor der Presse entfalteten Vorwürfen vor Gericht freigesprochen worden zu sein. Man muss dem Spiegel dafür danken, dass er sich von der Uneinsichtigkeit Wulffs nicht hat irritieren lassen, sondern die sachlich-investigative Gesamtleistung der deutschen Journalisten standhaft rühmte, so wie es sich gehört. Und es war wohltuend, dass im Vorspann nichts von dem umständlichen Gerichtsprozess und seinem Ausgang zu lesen war, dafür aber sehr dezent darauf aufmerksam gemacht wurde, dass man es eben mit der "Weltsicht eines Mannes" zu tun habe, "der sich vornehmlich als Opfer empfindet". Wer sich als Opfer empfindet, kann ja kaum eins sein.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio