Mit Lieferungen aus Russland deckt Deutschland fast 40 Prozent seines Gasbedarfs. In die andere Richtung fließen jedes Jahr zehn Milliarden Euro. Doch der eigentliche Preis ist viel höher. Deutschland macht sich von einem Staat abhängig, der sich zunehmend als unberechenbar erweist – und seine Gaslieferungen immer wieder als Machtmittel missbraucht.

Schon 2009, als Russland den Gasfluss in die Ukraine drosselte, waren in Südosteuropa Hunderttausende Haushalte von der Versorgung abgeschnitten – und das mitten im Winter. Auch in der aktuellen Ukrainekrise hat Russland Europa vor möglichen Engpässen gewarnt. EU-Energiekommissar Günther Oettinger schlägt den Mitgliedsstaaten sogar Stresstests vor, um den Ausfall von Gaslieferungen aus Russland zu simulieren.

Dass die Deutschen bald frieren müssen, glaubt zurzeit zwar niemand. Dafür sind die heimischen Gasreserven zu groß, und der Sommer ist zu warm. Doch die alte Logik, nach der schon nichts passieren wird, weil Russland genauso abhängig ist von deutschem Geld wie die Deutschen vom russischen Gas, funktioniert nicht mehr. Nicht bei einem Land, das den Konflikt mit dem Westen immer weiter eskalieren lässt, selbst wenn das der heimischen Wirtschaft massiv schadet. Auf Russlands ökonomisches Eigeninteresse kann Deutschland sich nicht mehr verlassen.

Die energiepolitische Abhängigkeit von Russland macht Deutschland verwundbar, im schlimmsten Fall erpressbar, auf jeden Fall vorsichtig. Das zeigt sich auch in der Ukrainekrise: Während Merkel die energiepolitischen Konsequenzen von Sanktionen gegen Russland immer mitdenken muss, können die USA entschlossener agieren. Der Grund: Sie sind von russischen Lieferungen weitgehend unabhängig.

Was also tun? Um die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren, muss Deutschland alle technischen und ökonomischen Möglichkeiten nutzen. Dazu gehört auch der Bau eines Flüssigerdgas-Terminals wie ihn andere Länder längst haben. Die Pläne dazu liegen in Deutschland schon seit Jahren in der Schublade. Selbst die passende Infrastruktur steht in Wilhelmshaven dafür bereit. Es gibt also eine Alternative zu russischem Gas. Man muss sie nur wollen. Dann kann schon bald mit den Bauarbeiten begonnen werden.

Bisher fließt Gas nach Deutschland vor allem durch Pipelines. Etwa durch die Transgas-Rohre, die Gas aus Sibirien über die Ukraine nach Europa bringen. Oder die Jamal-Pipeline, die durch Weißrussland und Polen verläuft. Diese Pipelines haben gemeinsam, dass das eingespeiste Gas meist aus Russland stammt. Eine Pipeline, die amerikanisches oder australisches Gas liefert, gibt es nicht.

Flüssigerdgas-Transporte hingegen sind von überall aus möglich. Das Gas wird dafür auf minus 160 Grad gekühlt, sodass es sich verflüssigt und mit speziellen Tankern verschifft werden kann. Theoretisch könnte Deutschland sein Gas mit dieser Technik aus aller Welt beziehen. Allerdings können die Spezialtanker nur an entsprechenden Terminals anlegen. Um Deutschland fahren sie deshalb bisher einen Bogen.

Das ist umso bemerkenswerter, als bereits 1972 die Deutsche Flüssigerdgas Terminal Gesellschaft in Wilhelmshaven gegründet wurde. Zweck des Unternehmens, so steht es auf der Homepage, ist "die Anlandung, Lagerung, Aufbereitung und Wiederverdampfung von Flüssigerdgas sowie der Bau und Betrieb der hierzu erforderlichen Anlagen". Genau das also, was Deutschland brauchte, um sich durch den Einkauf von Flüssigerdgas von Russland unabhängiger zu machen.