Geradezu romantisch erscheinen heute die Zeiten, als ein Terrorist – wie 1914 der Mörder des Wiener Thronfolgers – seinem Opfer Auge in Auge entgegentrat. Das zweite Kapitel schrieben Bolschewisten und Nazis. Sie haben keine Potentaten, sondern Millionen von Unschuldigen vernichtet: Kulaken (freie Bauern) oder Juden und andere "Untermenschen". Das jüngste Kapitel, die Strategie von Hamas, könnte perverser nicht sein. Israels Premier Netanjahu drückt es so aus: "Israel schützt seine Bürger mit Raketen, Hamas schützt ihre Raketen mit ihren Bürgern."

Ein wirkmächtiger Spruch, aber nicht falsch. Der "asymmetrische Krieg", den der Rest der Welt als blutiges TV-Drama verfolgt, ist ein Krieg der Bilder. Beispiel: Gerade hat Hamas das Bild einer toten Familie aus Gaza veröffentlicht. Das Bild stammt aus Syrien, der Täter war Assads Armee. Im Bilderkrieg, das ist die zynische Logik von Hamas, sind die eigenen Toten noch "wertvoller" als die des israelischen Feindes.

Deshalb auch die Strategie der "menschlichen Schutzschilde". Gegen diese bietet Israel Hunderttausende von Flugblättern und Handy-Anrufen auf, um die Gazaner vor dem kommenden Angriff zu warnen. Hamas schlägt zurück, indem sie die eigenen Leute bedrängt, "den israelischen Kampfjets mit entblößter Brust entgegenzutreten".

Menschliche Schutzschilde sind im Kriegsrecht strengstens verboten, dito die Stationierung von Truppen und Waffen in Wohngebieten sowie deren Einsatz aus der Mitte der Bevölkerung heraus. Wer es dennoch tut, verliert den Schutz durch die Genfer Konventionen. Doch der moralische Wahnsinn hat strategische Methode.

Hamas kann diesen Krieg, den dritten seit 2008/09, nur "gewinnen", wenn der internationale Druck auf Israel übermächtig wird. Deshalb kämpfen die Israelis gegen die Uhr, um so viele Munitionslager, Raketenstellungen und Tunnel wie nur möglich zu zerstören. Hamas könnte es einfacher haben: den "Staatenmord" aus ihrer Charta streichen, mit den Israelis direkt reden, einen Modus Vivendi aushandeln, der die Blockade lockert im Tausch gegen den Verzicht auf weit reichende Raketen, die inzwischen den Großteil der israelischen Bevölkerung bedrohen. So ähnlich sieht Kairos "Friedensinitiative" aus.

Die Blockade gab es nicht, als Jassir Arafat 1994 in Gaza einzog, um dort einen Proto-Staat zu begründen. Die Mauern gingen hoch, nachdem Hamas die Macht ergriffen hatte und mit syrischer und iranischer Rüstungshilfe den Raketenkrieg auflegte. Werfen wir jetzt einen Blick aufs Umfeld. Hier geschieht Erstaunliches. Bis auf den Iran und Katar hat Hamas keine Helfer mehr. Ohrenbetäubend das Schweigen, das aus Kairo, aus der Arabischen Liga kommt. Die arabischen Brüder sowie das Abbas-Regime in Ramallah sind ein Zweckbündnis mit Jerusalem gegen Hamas eingegangen.

Just diese vage "Umkehrung der Allianzen" mag die Verbissenheit von Hamas erklären, etwa: "Wir wollen es euch allen zeigen, weil ihr die arabische Sache verraten habt." Das verheißt kein jähes Ende des Krieges und schon gar nicht der Tragödie. Der nächste Waffenstillstand kommt. Und dann? Israel wird Gaza nicht erneut besetzen. Hamas wird nicht verhandeln, denn das Ende Israels ist ihre "Staatsräson". Nahost – siehe Syrien, Libanon, Irak – ist der letzte Ort auf Erden, wo die Koexistenz den Krieg besiegen wird.