Waffenstillstand. Oder wenigstens eine Feuerpause. Der Druck auf Israel und Hamas wächst, den Menschen im Gazastreifen wenigstens eine Atempause zu gönnen. Also erhöhen beide Seiten noch einmal die Intensität ihrer Angriffe. Sollte die Operation Schutzrand dann zu Ende gehen, wird die israelische Regierung behaupten, Hamas militärisch entscheidend geschwächt und Israel sicherer gemacht zu haben. Wie schon nach den Militäroperationen in den Jahren zuvor.

Hamas wird behaupten, Israel militärisch in die Schranken gewiesen und den Palästinensern einen glorreichen Sieg beschert zu haben. Wie schon in den Jahren zuvor.

In der Medizin nennt man so etwas massiven Realitätsverlust oder Psychose und behandelt es mit Medikamenten. In der Politik nennt man derlei Propaganda mit fortschreitender Selbsttäuschung. Dagegen gibt es keine Medikamente. Dagegen hilft nur lauter, deutlicher Widerspruch.

Fangen wir mit dem Grundsätzlichen an: Wer wie Hamas und andere militante Islamisten in Gaza wahllos Raketen in von Zivilisten bewohnte Gebiete abfeuert, begeht ein Kriegsverbrechen. Auch wenn dabei "nur" Sachschaden entsteht.

Wer wie die israelische Armee bei der Jagd auf Hamas-Mitglieder und andere Islamisten massiv zivile Wohngebiete, Medienbüros oder sogar ein Krankenhaus bombardiert – in einem abgeriegelten, dicht besiedelten Gebiet –, begeht ein Kriegsverbrechen. Auch dann, wenn er die Menschen vorab mit Flugblättern gewarnt hat.

Amnesty International hat deshalb völlig zu Recht ein Waffenembargo gefordert – gegen Hamas und gegen Israel. Nicht dass ein solches Embargo derzeit durchsetzbar wäre. Aber die Forderung signalisiert: Die Prinzipien des Völkerrechts sind nicht relativierbar. Auch nicht durch ein Recht auf Selbstverteidigung.

Dieses Recht hat Israel wie jeder andere Staat, doch hier ist der zweite Widerspruch fällig. Die neue Kriegsrunde hat ja nicht angefangen, weil Hamas plötzlich beschloss, aus allen Rohren auf Israel zu feuern. Sondern weil sich die Extremisten auf beiden Seiten durchgesetzt haben.

Dabei standen die Islamisten im Frühsommer politisch und ökonomisch mit dem Rücken zur Wand, die weitreichende Blockade durch Israel und Ägypten hatte das Leben der 1,7 Millionen Menschen in Gaza unerträglich gemacht, die Wut in der Bevölkerung wuchs. Unter diesem Druck ließ sich Hamas auf eine Einheitsregierung mit Mahmud Abbas ein und unterwarf sich faktisch Fatah – zu den Bedingungen, welche die USA und die EU für westliche Hilfe aufgestellt haben: Gewaltverzicht, Einhaltung bisheriger Abkommen und Anerkennung des Staates Israel.

Natürlich stand dahinter der pure Machterhaltungstrieb. Aber die Einheitsregierung bot nach Meinung der Palästinenser – und vieler Diplomaten – eine überraschende Chance zur Deeskalation im Nahostkonflikt. Hamas erwartete für diese Zugeständnisse eine Lockerung der Blockade und die Auszahlung der Gehälter für die Verwaltungsangestellten in Gaza. Nichts von beidem geschah. Stattdessen kündigte Israel einen Ausbau der Siedlungen im Westjordanland an und stoppte die Friedensgespräche mit Abbas.

Es folgte die Entführung und Ermordung der drei israelischen Schüler – mutmaßlich durch Hamas-Hardliner. Es folgte der Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen, es folgten die Raketenangriffe auf Israel, es folgte Operation Schutzrand. Deren vorläufiges Ergebnis bis Dienstagabend: knapp 600 getötete Palästinenser, die meisten Zivilisten, viele davon Kinder, 29 getötete Israelis, darunter 27 Soldaten, über 3000 Verletzte, Tausende von Palästinensern auf der Flucht in einem Freiluftgefängnis. Und je länger die Gefechte dauern, desto stärker werden die Hardliner. In Gaza sind das nicht nur der militärische Flügel von Hamas, sondern auch kriminelle Familienclans und Dschihadisten. Auf israelischer Seite sind es Brachialpopulisten wie Außenminister Avigdor Lieberman und extremistische Siedler.